Betrachtungen30.06.2005 14:22h

…lernen es nicht.

Aber das Ziel des ganzen Unterrichts hier sowie in der Schule darf nicht in Examen und Zeugnissen bestehen, die von der Erde ausgetilgt werden müssen; sondern das Ziel wäre: daß die Schüler selbst aus erster Hand ihre Kenntnisse einholten, ihre Eindrücke erhielten, ihre Ansichten bildeten, sich zu ihren geistigen Genüssen durcharbeiteten, anstatt sie wie jetzt ohne alle Mühe durch den „interessanten“, oft schlaff angehörten und rasch vergessenen Vortrag der Lehrer über fünf Gegenstände an jedem Vormittag zu erlangen.

ein auszug aus dem text „die seelenmorde in den schulen“ von ellen key, veröffentlicht 1905 in dem buch „das jahrhundert des kindes“. jetzt, unmittelbar nach jenem jahrhundert, ist diese schulkritik immer noch aktuell, die realisierung einer fortschrittlichen pädagogik nirgends in sicht. zum optimisten macht mich das nicht unbedingt.

nachtrag:

key war eine maßgebende vertreterin der sog. „reformpädagogik“ anfang des 20. jhr., die u.a. von neoromantismus und völkischer jugendbewegung beeinflußt war. „fortschrittliche pädagogik“ ist selbstverständlich was anderes; mir erschien es nur bemerkenswert, daß die fundamentale schulkritik der „reformpädagogen“ im grunde immer noch gültig ist: selektion und leistungsdruck herrschen in den schulen, nie steht das kind im mittelpunkt, angstfreies lernen gibt es quasi nicht, stattdessen bewirkt die schule bei den meisten kindern eine abneigung gegen theorien aller art und verhindert selbständiges denken.

Spartenliteratur29.06.2005 12:12h

Freiwillig geht der Mann sicher nicht über die Straße, denkt Andreas sich und kratzt sich am Kopf. Der hat vorher noch eine Tasse Kaffee getrunken, oder vielleicht war er im Puff. Auf jeden Fall hat er Hummeln im Hintern. Ich muß aufpassen, nicht auch bald welche zu kriegen, ich glaube, die verfolgen mich. Sie folgen meiner Spur aus Kaffeeflecken auf dem Boden, denkt Andreas sich und geht weiter. Hinter einem Betonpfeiler bleibt er stehen, hier fühlt er sich sicher und zündet erstmal eine Zigarette an. Der Rauch weht verwaschen gen Himmel.
Andreas weiß, wo er hier ist, es handelt sich um eine Autobahnbrücke, direkt vor ihm liegt eine zerbrochene Flasche aus grünem Glas, und hinter ihm taucht ein anderer Mann auf. Zigarettenstummel. Wenn ich ihm jetzt die Flasche zwischen die Rippen steche, ist alles vorbei, denkt Andreas sich, dann ist es wie in meinen Tagträumen, in denen ich von Brücken oder aus Fenstern falle, weil das halt bequemer ist als die Treppe zu benutzen. Aber deshalb bin ich nicht hier, mit der Bequemlichkeit soll es ja vorbei sein mit der Zeit, so langsam muß es schnell gehen, sonst wird das nichts mehr, nicht mehr in diesem Leben. Andreas nimmt einen tiefen Zug und dreht sich um. Er bläst dem Mann den Rauch direkt ins Gesicht, ganz ohne Angst, wieso sollte er auch Angst haben. Der Mann lächelt, und Andreas folgt ihm zu seinem Wagen.

und dann strahlt da die sonne
und dann seh ich ein kind
und dann strahlt da die sonne
ich will: du spürst den wind

Der Schweiß trocknet relativ langsam, und bald wird sich neuer angesammelt haben. Muß ja nicht sein, das mit dem Handtuch, und der Whisky schmeckt beschissen. Wieder die Zigarette, diesmal wesentlich kürzer, der Rauch stinkt, wen interessiert das. „Eine Tasse Kaffee!“, das ist ein Wort, denkt er sich und trinkt. Verlassenes Kaff, verlassene Welt, all solche Plattitüden.

Unterm Fenster seh ich zwei Kinder mit Laternen gehen;
Das hätt´ ich ja fast vergessen,
Daß bald St. Martin ist!

Eine Möwe bahnt sich ihren Weg durch die Wolken, und der Junge zieht seinen Mantel enger zusammen. Ganz schön kalt hier, wird er sich gedacht haben, aber warum sollte er das aussprechen, es ist ja eigentlich Sommer. Soeben hat er sich von seinen Spielkameraden verabschiedet, drei junge Männer, vor denen er große Angst gehabt hat. Nun läßt er Drachen steigen. Hier, auf dieser Klippe, am Ende seiner Welt, ist es erstaunlich ruhig. Er denkt an St. Martin zurück, an die Laterne, die Feuer fing. Das war schön damals, schöner jedenfalls als die Elektrolaternen, die er ein paar Jahre später austreten wird, was ihm den Ruf eines Mörders alter Damen einbringt, die ausrutschen, bei Nacht, weil sie nichts sehen.
Der Junge lacht. Er weiß, was er zu tun hat. Er läßt los, und der Drachen schwebt davon.

Möpke28.06.2005 16:51h

Eines Morgens gerann das Wasser auf Möpkes Stirn zu einer schalen Pfütze, die sich bedächtig gen Hirn fraß. Der verzogene Student wußte nicht so recht damit etwas anzufangen, also gründete er eine Initiative zur Zerstörung fortgeschrittenen Hirnfraßes. Hiermit stieß er bei den Deutschen auf Unverständnis. Erst langsam begriff das Pack, welche Möglichkeiten Möpkes Initiative ihnen bot: von nun an, so beschlossen die Deutschen, allen voran Franz Beckenbauer, denn er ging immer allen voran, könne man den Hirnfraß nicht nur verzückt genießen, sondern auch mit Hingabe bekämpfen resp. vernichten. Möpke bekam von alledem nichts mit; er hatte festgestellt, daß sein Zimmer sich stets nach Einbruch der Helligkeit in ein heißes, unwirtliches Etwas verwandelte, das der Qualität seines Whiskeys entschieden abträglich war. Nachts hingegen war es beschaulich kühl in Möpkes Zimmer. Es war ein typisches Studentenzimmer, eine verdorrte Pflanze kündete von zuckersüßer Unschuld, und von den Wänden strotzten Nacktmodelle; von Motten zerfressen lag die Schale einer Banane auf aufgeschlagenen Büchern. Desgleichen tat ein Ei. Möpke schrie, hatte er doch das Ei in der Aufregung ganz vergessen gehabt, und also nicht wissend, daß die Deutschen unter der Führung Franz Beckenbauers bereits Jagd auf ihn machten, machte er sich daran, die Sauerei zu beseitigen. Zu diesem Zweck – es war nicht viel im Zimmer – und in Anbetracht der Tatsache, daß es noch früh am Morgen, also herrlich kühl war in Möpkes Studentenzimmer, ergriff der verzogene Student die Whiskeyflasche und stürzte ihren Inhalt mit einem Mal hinunter. Das tat er zweimal, aber er bemerkte nicht, daß beim zweiten Mal keine Flüssigkeit mehr seine Kehle hinunterfloß; zu sehr war sein Hirnfraß bereits fortgeschritten. Da wurde er traurig, seine Mundwinkel hingen schlaff herab, so daß eine Mundwinkelspinne, eine nahe Verwandte der Hauswinkelspinne, darin ein Nest bauen konnte. Die Worte, die Möpke wählte, als er dies bemerkte, ringen jeder Beschreibung ein schamvolles Erröten ab. Vor Wut übergab der junge Mann sich, brach auf dem Hausflur zusammen, die Flasche in der Hand, und lächelte. Es läutete Sturm. Die Meute war da.

Empfehlungen27.06.2005 14:37h

Anläßlich des 60. Geburtstags des Übersetzers und Vorlesers Harry Rowohlt sind vor kurzem zwei sehr empfehlenswerte Produkte erschienen: die Briefesammlung „Der Kampf geht weiter!“ und „Der Paganini der Abschweifung“, eine Live-Aufnahme einer Lesung, bzw. eines Teils einer Lesung, da diese schonmal gut und gerne vier Stunden lang sein können. Besonders angenehm: Rowohlt liest überwiegend eigene Texte, insbesondere die wunderbaren Kolumnen, die er früher in der ZEIT veröffentlicht hat.

Beides BITTE in Verbindung mit einem guten Glas Whiskey genießen.

Logbuch25.06.2005 14:35h

…steht auf einer riesigen untertasse. böse zungen behaupten, dabei handele es sich um einen teller. ich bezweifle das, da kein essen drauf ist, sondern eine kaffeetasse. draußen hat´s geregnet, passend dazu lief tom waits; es hat aufgehört, und jetzt läuft punkrock, um mich auf den abend einzustimmen. mein leben ist sehr spannend.

Spartenliteratur23.06.2005 22:24h

Dunkle Gassen, die meinem Weg zürnen,
lassen freundlich mich erkennen, der ich
gar nichts hier verloren hab. Wo
sind denn all die andern hin, die Menschen,
die von Häusern fallen, wenn der Winter naht?

Schrei es doch heraus, was kannst du denn
dafür, daß Menschen traurig sind. Schrei
sie doch mal an, du kannst doch nichts dafür.

Haltestellen, die nicht meine sind,
kommt rasend da ein Bus gefahrn,
ein Bus, der mich nach Hause bringt
und niemanden verletzt. Das
wär doch was.

Doch Schatten sind´s, die blank und dumm
mir ihren Hintern zeigen, von
Tönen, die nicht meine sind,
erzählen und von Liebe. Ich
kotz sie an und leg mich hin,
vor Türen, die ich kenne.

Schrei es doch heraus, was kannst du denn
dafür, daß Menschen traurig sind. Schrei
sie doch mal an, du kannst doch nichts dafür.

Möpke22.06.2005 21:49h

„Wenn ich eines nicht will“, sprach Möpke mit erhobenem Zeigefinger, „- und ich will so einiges nicht –, dann“, erhob er die Stimme, „ist es das Telefonieren, wenn ich Musik höre.“ Möpkes Zuhörer – ein junger Esel, drei alte Männer um die vierzig sowie ein Teddybär namens Frank – nickten zustimmend. Sie stimmten aber nicht zu. „Ich muß doch sehr bitten“, begann der Esel, „beim Musik hören ist Telefonieren ohnehin gänzlich unmöglich, so daß…“ Er wurde von dem böse dreinschauenden Teddy unterbrochen, der völlig zu Recht einwandte: „Sie Esel.“ Das wurde Möpke zu bunt. „Hören Sie mal, entweder ist etwas unmöglich oder nicht. Das Wort ‚gänzlich’ war gänzlich unnötig.“ „Wollen Sie mich verscheißern?!“ schrie da einer der alten Männer und hob seine Flinte. Möpke blieb ruhig. „Selbstverständlich“, meinte er dann. Der alte Mann drückte ab, bemerkte dann aber, daß er gar keine Flinte, sondern einen alten Lötkolben in der Hand hielt und verbrannte sich die Pfoten. Spätestens hier wird klar, daß es sich bei den drei alten Männern nicht um alte Männer, sondern um Hasenväter handelt, die über ihr Junges zu Gericht sitzen. Möpke kümmerte das alles nicht, er interessierte sich fürs Telefonieren und insbesondere dafür, hier diesen Hornochsen ein wenig Disziplin beizubringen. Zu diesem Zweck holte er nun sein eigenes Gewehr, das er immer lässig hinterm Rücken trug, weil er der Auffassung war, im Wilden Westen gehöre sich das so, hervor, und bedrohte damit Frank, den Teddybären. „Ich war´s nicht!“ jammerte dieser, und Möpke hielt inne. Das stimmte. Er hatte nicht telefoniert, er konnte nicht telefonieren, er war ein Teddybär. Ganz neue Welten taten sich auf, und Möpke schritt gemächlich in eine davon hinein. Hier war alles anders, Bäume waren oben grün und unten braun, und Hasen konnten weder sprechen noch Lötkolben bedienen. Das gefiel Möpke nicht, er wandte sich zum Gehen, denn mit Frank wollte er noch ein Hühnchen rupfen. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Die Tür war zu, da war keine andere Welt mehr, nur ein häßliches altes Weib, das ihn verschlagen ansah. „So“, krächzte es, „Sie sind also Möpke. Dieser Möpke, von dem sie alle reden.“ „Der bin ich!“ entgegnete jener, blaß vor Erstaunen, denn so etwas hatte er noch nicht erlebt. Er riß sich schnell sein Namensschild herunter. Die Alte fuhr fort: „Gehen Sie fort von meinem Gemüsegarten! Fort! Hinfort!“ Eine scheuchende Handbewegung begleitete ihr Keifen. Möpke zuckte mit den Schultern, er resignierte. Mit Erleichterung stellte er fest, daß sein Gewehr noch da war, und er nahm es, und er schoß sich in den Kopf.

Logbuch22.06.2005 14:18h

…schlecken immer noch am liebsten schoko und vanille, meldet das investigative nachrichtenportal gmx heute. heißa, juchze ich, da war ich immer schon gegen; die opposition ist mir offenbar in die wiege gelegt worden. scheiß vanille. darauf ein papaya-eis.

der autor ist sich der sinnlosigkeit dieses eintrags vollauf bewußt. es ist heiß.

Logbuch21.06.2005 16:24h

…the new pornographers hören und sich fühlen wie in o.c. california, das könnte mir so gar nicht gefallen. hab ich aber trotzdem gehört, und dann wieder zeit verschwendet in einem häßlichen seminarraum. passiert mir so schnell nicht wieder, denk ich mir, weiß es aber besser. sachzwänge.

„und wir gehen lieber baden / wenn das wetter besser wird / danach gehen wir einen saufen / weil das geiler ist“ (lattekohlertor)

baden geh ich ja nicht so gerne, höchstens, haha, metaphorisch gesehen. ne, auch das nicht gerne, deshalb wird dann halt gesoffen (unter anderem). bitte nicht den fehler machen und bei führenden onlineversandhäusern wild durch die gegend klicken, schon gar nicht betrunken. drei privatverkäufe, sauerei, versandkosten, hitler! hoffentlich hat´s sich wenigstens gelohnt.

Spartenliteratur21.06.2005 00:52h

vor dem tor steht der wächter des endlosen gartens
sein innen scheint selbst ihm verloren
zum himmel schreit endlich der endlose garten
und lebende tote – du bist endlich frei

und ich blicke nach unten
und ich sehe den tod
und ich schütt‘le den kopf
und ich spüre die not
und ich weine…

siehst du die landschaft zu dreckigen füßen
sie ist frei wie der wind am endlosen morgen
ist gefangen ist loch und ist zeit eines gartens
hörst du die rufe – sie singen und klagen

und ich blicke nach unten
und ich sehe den tod
und ich schütt‘le den kopf
und ich spüre die not
und ich weine…

und eine
klitzekleine
träne
fällt

in das loch und bleibt liegen
ich höre auf zu weinen
die träne beginnt

und ich spüre die not
und ich spüre die not

und ich spüre

den stummen garten.