Freiwillig geht der Mann sicher nicht über die Straße, denkt Andreas sich und kratzt sich am Kopf. Der hat vorher noch eine Tasse Kaffee getrunken, oder vielleicht war er im Puff. Auf jeden Fall hat er Hummeln im Hintern. Ich muß aufpassen, nicht auch bald welche zu kriegen, ich glaube, die verfolgen mich. Sie folgen meiner Spur aus Kaffeeflecken auf dem Boden, denkt Andreas sich und geht weiter. Hinter einem Betonpfeiler bleibt er stehen, hier fühlt er sich sicher und zündet erstmal eine Zigarette an. Der Rauch weht verwaschen gen Himmel.
Andreas weiß, wo er hier ist, es handelt sich um eine Autobahnbrücke, direkt vor ihm liegt eine zerbrochene Flasche aus grünem Glas, und hinter ihm taucht ein anderer Mann auf. Zigarettenstummel. Wenn ich ihm jetzt die Flasche zwischen die Rippen steche, ist alles vorbei, denkt Andreas sich, dann ist es wie in meinen Tagträumen, in denen ich von Brücken oder aus Fenstern falle, weil das halt bequemer ist als die Treppe zu benutzen. Aber deshalb bin ich nicht hier, mit der Bequemlichkeit soll es ja vorbei sein mit der Zeit, so langsam muß es schnell gehen, sonst wird das nichts mehr, nicht mehr in diesem Leben. Andreas nimmt einen tiefen Zug und dreht sich um. Er bläst dem Mann den Rauch direkt ins Gesicht, ganz ohne Angst, wieso sollte er auch Angst haben. Der Mann lächelt, und Andreas folgt ihm zu seinem Wagen.

und dann strahlt da die sonne
und dann seh ich ein kind
und dann strahlt da die sonne
ich will: du spürst den wind

Der Schweiß trocknet relativ langsam, und bald wird sich neuer angesammelt haben. Muß ja nicht sein, das mit dem Handtuch, und der Whisky schmeckt beschissen. Wieder die Zigarette, diesmal wesentlich kürzer, der Rauch stinkt, wen interessiert das. „Eine Tasse Kaffee!“, das ist ein Wort, denkt er sich und trinkt. Verlassenes Kaff, verlassene Welt, all solche Plattitüden.

Unterm Fenster seh ich zwei Kinder mit Laternen gehen;
Das hätt´ ich ja fast vergessen,
Daß bald St. Martin ist!

Eine Möwe bahnt sich ihren Weg durch die Wolken, und der Junge zieht seinen Mantel enger zusammen. Ganz schön kalt hier, wird er sich gedacht haben, aber warum sollte er das aussprechen, es ist ja eigentlich Sommer. Soeben hat er sich von seinen Spielkameraden verabschiedet, drei junge Männer, vor denen er große Angst gehabt hat. Nun läßt er Drachen steigen. Hier, auf dieser Klippe, am Ende seiner Welt, ist es erstaunlich ruhig. Er denkt an St. Martin zurück, an die Laterne, die Feuer fing. Das war schön damals, schöner jedenfalls als die Elektrolaternen, die er ein paar Jahre später austreten wird, was ihm den Ruf eines Mörders alter Damen einbringt, die ausrutschen, bei Nacht, weil sie nichts sehen.
Der Junge lacht. Er weiß, was er zu tun hat. Er läßt los, und der Drachen schwebt davon.