„Verliere nicht den Verstand“, sagte der kleine Engel, als mein Huf ihn traf. Ich hatte bis dato nicht gewußt, daß ich Hufe hatte, konnte mit der Neuigkeit aber ganz gut umgehen. Bisher war ich stets der Meinung gewesen, ein Mensch zu sein, der zwar eine leichte Wirbelsäulenanomalie besaß, jedoch ansonsten mit reichlich Menschenfuß, ganz ordinär mit Zehen und so, ausgestattet war. Da hatte ich mich wohl getäuscht.
„Hör auf zu grübeln!“, forderte mich der Engel auf, den ich ins nächste Gebüsch befördert hatte. Ich scharrte mit den Hufen. „Machen Sie sich nicht lächerlich!“
Der Engel rekapitulierte die Situation in seinem Gehirn und schnäuzte sich die Nase, wobei er höchst unengelhaft sein weißes Gewand benutzte. Unnötig ist es zu erwähnen, daß das Gewand eines Engels immer weiß ist. Menschen, die Filme machen, in denen Engel aussehen wie Hinz und Kunz, gehören gesteinigt. „Ich weiß ja nicht“, meinte das Arschloch, „was du hier willst, aber ich bin ein Engel, also duz mich gefälligst. Ich geh dir nicht mal bis zum Knie!“
„Ich respektiere alles und jeden, mein Freund. Auch und erst recht Engel, die mir nur bis zum Knie reichen. Was soll der Quatsch? Ich verliere doch gar nicht den Verstand. Ich habe zwar lange gebraucht, um zu bemerken, daß ich keine Füße, sondern Hufe besitze, aber das werden Sie mir doch wohl nicht zum Vorwurf machen, Sie Langeweiler. Und jetzt lassen Sie mich bitte weiter lethargisch und weltverloren in der Ecke hocken, um Adjektive zu schmieden.“
Der Engel begann nun, so schien es mir, zu schmollen. Ich hatte ihn mit meinem gezielten Huftritt mitten ins Unterholz befördert, wo er sich immer noch die Nase rieb. Er sah putzig aus.
Ich verließ ihn. Das war mir dann doch zu blöd. Schnell stolzierte ich zu einem kleinen Schemel, auf dem ich mich niederließ. Unweit des Schemels befand sich ein schwarzer Ofen, so ein kleiner aus dem Märchenbuch, mit einem niedlichen Rohr, das zur Decke reicht. Hier gab es keine Decke, doch das war dem Rohr selbstverständlich egal. Jedenfalls kochte ich Kaffee. Ich blickte mich um, freundlich. Leider erblickte ich neben dem Ofen nur noch Wolken; Wolken wie aus Bierschaum. Dann wird wohl morgen das Wetter schön, dachte ich, wußte aber nicht, wieso ich das dachte. Das ist ja häufig so, schoß es mir durch den Kopf, und schon im selben Moment schoß mir auch etwas anderes durch den Kopf: eine Kugel. Endlich hat sich dieser dumme Ausdruck mal gelohnt, dachte ich noch, ehe ich, durch den Aufprall der Kugel leicht erregt, vom Schemel kippte.
Ich strampelte mit den Hufen. Na, witzig ist das nicht gerade, überlegte ich, ehe ich verdutzt bemerkte, daß ich lebte. Man muß dazu wissen, daß es durchaus eine Kugel der Art war, wie man sie zuhauf in schlechten und auch guten Wildwest-Filmen findet; dennoch war ich quicklebendig. Ich kam zu der Einsicht, daß ich kein Mensch sein konnte.
Was aber war ich dann? Auch ein Engel? Ein Pferd? Kein Pferd setzt sich auf Schemel und kocht Kaffee. Andererseits: vielleicht war ich das erste Pferd, das derartiges tat? Bei Menschen gab es solches Verhalten oft. Daß ich im Himmel war, in einem Puderzuckerhimmel aus Kindermärchen, war mir ja schon aufgefallen. Es gibt ja auch schlimmeres. Jeden Morgen wachen Menschen auf und denken sich: ach, wie schön wär´s doch im Himmel! Und dann haben sie Angst vor Krebs. Diese Menschen gehen auch in große dunkle Hallen, stellen sich auf und sagen, daß sie sich freuen würden. Sie freuen sich nicht tatsächlich, aber das stört sie nicht. Das geht noch hinterher. Hinterher war ich doch kein Pferd!
Nein, ich konnte kein Pferd sein. Pferde wiehern. Ich versuchte es, aber heraus kam nur so eine Art Wimmern; etwas, das ich früher schon zur Genüge geübt hatte. Vorhin hatte ich auch gesprochen, mit diesem vorlauten Engel, der mich geduzt hatte, und der mir geraten hatte, nicht den Verstand zu verlieren. Ein freundlicher, kleiner Bursche. Ich hätte nicht so grob sein sollen mit ihm, dachte ich, aber das war mir dann auch egal, als ich plötzlich feststellte, kein Gehirn mehr zu haben.
Die Kugel nämlich hatte das angerichtet. Neben mir, auf dem Boden, war so eine kleine Zuckerwattewolke, auf der mein Gehirn jetzt klebte. Ins Detail gehen muß ich nicht, es sah aber scheußlich aus. Jeden Morgen wacht der Mensch auf und freut sich, daß er noch ein Hirn hat. Das ist klar; aber ich war ja kein Mensch.
Na ja, dachte ich, dann ist ja gut jetzt. Sollen die Menschen den Dreck doch wegmachen; das dachte ich vergnügt, als ich Hut und Stock nahm, den Kaffee da ließ, die Kippen verklappte und auf Zuckerwatte pißte. Die Menschen, die möchten das, die sollen das, die müssen das sauber haben; ich hatte das nicht nötig. Vor meinen Augen wurde es Nacht; ein Stern schimmerte.