Betrachtungen10.07.2005 14:30h

ein kontinuum meines lebens ist es, immer wieder neue schöne absurditäten im leben anderer zu entdecken. besonders gut geht das im zug, noch besser im zug im ruhrgebiet: im regionalexpreß. dieses wort ist so schön; was es beschreibt, so nützlich. ausgestattet mit einem kleinen stück rosanem papier, das zu fälschungen geradezu einlädt, betrete ich den zug und kann überall hinfahren in diesem schmelztiegel der kulturen, dem herzen europas, oder was den apologeten des bürgerlichen wahnsinns noch so alles einfällt in ihrem chronischen delirium.

an diesem tag ereilt mich der wahnsinn nicht sofort. selbstverständlich habe ich eine geöffnete bierflasche in der hand, alles andere wäre verrat am ort des geschehens, und ich habe, wie so oft, die aussicht auf ein vermutlich schönes konzert vor mir, also auf etwas, was mit gitarre, bass, schlagzeug und geschrei zu tun hat. mein interesse gilt ganz dem bier, was um mich herum geschieht, ist unwichtig. dennoch: der wahnsinn ist bereits da, er trägt zwei zöpfe, ein rotes käppchen und zieht etwa fünfzehn schlecht aussehende endzwanziger hinter sich her, die der welt mitteilen, was sie tun: „wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen, hüpfen. hüpfen wollen wir.“
ich wünsche mir, daß der zug entgleist; nichts dergleichen geschieht. stattdessen kommt das pack die treppe rauf, macht sich direkt vor mir breit, zwei unglaublich häßliche frauen um die dreißig mit schildern am rumpf („ihre treuesten gefährten“), und es will mir schnaps verkaufen. dies ist ein eigentlich löbliches unterfangen, jedoch fühle ich mich bereits derart in meiner menschenwürde bedroht, daß ich außer äußerst abschätzigen blicken nichts hinbekomme. zudem handelt es sich bei dem, was dort verklappt werden soll, nicht etwa um sechzehn jahre alten bushmills whiskey, sondern um billige kleine fläschchen mit süßem, klebrigen zeug drin, also nicht um schnaps, sondern um dessen karikatur. zum glück erreicht der zug bald mein ziel, ich steige aus, die welt ist wieder gut.*

es handelt sich bei diesem gebaren selbstverständlich um einen volksbrauch. bräuche sind immer absurd, aber dieser, das letztmalige feiern des junggesellentums vor der einweisung ins ehegefängnis unter vernichtung sämtlicher evtl. vorhandener menschenwürde, ist an absurdität kaum zu überbieten. vor einigen monaten schon sah ich so einen armen tropf, als bierflasche verkleidet, dem ende nahe, von seinen delirialen freunden angestachelt, im zug. aus mitleid wollte ich ihm etwas abkaufen, aber dann wurde mir schlecht, und ich beschloß, lieber ohne sein zuckerzeug ein weiteres stück zu sterben, nur mit meiner dunklen kemenate, meinen freunden und bier, gutem, bitterem bier: denn das ist angemessen, sonst nichts.

*= oder, na ja.

Empfehlungen09.07.2005 18:30h

Im Falle unseres Todes ist es ausgesprochen schade, gute Musik verpaßt zu haben. Das wird sich zwar nicht vermeiden lassen, aber schade ist es schon. Die Musik der australischen Band Architecture In Helsinki, deren Homepage selbst meinen sexy High-Tech-Rechner ins Schwitzen bringt, weiß der Geier wieso, ist gut und sollte nicht verpaßt werden: die Songs sind so vielseitig wie ihre Instrumentierung, rhythmisch angenehm anspruchsvoll, überall verstecken sich süße Melodien, und trotzdem wird es nicht süßlich, da die Strukturen, ähnlich wie bei den Unicorns, so abwechslungsreich wie möglich gestaltet wurden und doch nie ihre innere Logik verlieren.

Zwei Alben gibt es, ich empfehle vor allem das neuere, „In Case We Die“.

Möpke08.07.2005 15:08h

Über die Mülldeponie nebenan war Möpke an sich niemals hinausgekommen. Dort hausten Ratten und Spritzen; beides mochte er. Nie hätte er einer Ratte oder einer Spritze Leid zufügen können, und auf den alten Henk, der ihn auf seinen Reisen gern begleitete, ließ er nichts kommen. „Henk“, hatte Möpke einmal gesagt, „auf dich lass ich nichts kommen.“ Damit war die Sache gegessen. Zu essen gab es wenig auf der Deponie; skrupellose Erfinder gewisser Trivialmythen nahmen zwar an, weggeworfenes Essen würde nicht zu Müll, sondern bliebe immer Essen, dies hingegen war Quatsch – Müll war Müll, sobald er auf der Mülldeponie landete; das lag in der Natur der Sache. An diesem Tag nun traf Möpke auf einen weggeworfenen Kühlschrank, den wohl irgendein Landstreicher dort hinterlassen haben mußte, gerade in der hintersten Ecke der Deponie. Auch Henk, sein Gefährte, hatte den Schrank entdeckt, und so standen nun beide vor dem gewaltigen Ungetüm und betrachteten seine weiße Flanke. „Henk“, sagte Möpke, „meinst du, hierrin befindet sich etwas Eßbares?“ Henk zuckte mit den Schultern; er sprach nicht viel. Stattdessen hieb er mit seinem Spaten ein Loch in Möpkes Kopf, öffnete den Kühlschrank und erblickte die vielfältigen Leckereien des Landstreichers: Blutwürste, die troffen, Salatköpfe in sattem Grün, gemeine Kalbsleber, Preiselbeeren in Himbeersauce auf dunkelbraunem Eiskonfekt. Au ja, dachte sich Henk, das hat sich mal gelohnt, und er nahm den Kühlschrank auf den Rücken, um ihn ächzend und wankend davonzuschleppen. Möpke indes, der auf dem Bauch da im Dreck lag, war noch nicht tot, und so streckte er verzweifelt einen Arm aus, um den Rabauken aufzuhalten. Leider lag da eine Spritze mit einer tödlichen Flüssigkeit, und er stach sich daran, so daß er augenblicklich das Bewußtsein verlor. Das letzte, was er hörte, waren die schmatzenden Geräusche und das schallende Gelächter seines alten Freundes Henk.

Empfehlungen05.07.2005 11:31h

Ich hatte das große Glück, in den letzten zwei Monaten zweimal die aus Brooklyn, New York, angereiste Punkband World/Inferno Friendship Society live zu sehen. Beide Konzerte waren phänomenal. Ist die Musik, ein extrem tanzbares Gemisch aus Zirkusmusik und Punkrock und vielem anderen, schon für sich genommen geeignet, jeden Tag deutlich heller zu machen, sind die Darbietungen auf der Bühne von soviel Spielfreude und humorvoller Dissidenz geprägt, daß die ganze Welt augenblicklich zu einem ziemlich unbedeutenden Feind wird: hey, es gibt diese Band, vor was soll ich noch Angst haben?

Soeben ist das neue Album „Me V. Angry Mob“ erschienen, zu dem ich leider im Netz weder das Cover noch irgendwelche Reviews gefunden habe. Als Einstieg empfiehlt sich aber ohnehin die LP „Just The Best Party“.

Nicht kategorisiert04.07.2005 15:22h

lustige referers: „Google: Unterhosen,Frauen,schmutzig.“

Möpke03.07.2005 19:46h

Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als Möpke nur leicht angetrunken aus einer angenehm kleinen Gaststätte trat, in welcher es Brauch war, daß die Gäste bis in die frühen Morgenstunden blieben, um gemeinsam dem gottähnlich angestrahlten Biberfell auf der Kommode Tribut zu zollen. Möpke hatte diesen Dienst verweigert, war wutschnaubend aufgestanden und hatte sein Bierglas gegen das Fell geschmettert. Selbstverständlich war daraufhin die Hölle los gewesen: aus dem Klavier neben der Toilettentür war der Teufel getreten, kurz nach seiner Morgentoilette, und hatte mit seinem Dreizack nach Möpke geschmissen. Der junge Student war daraufhin aus dem Verbund der Zecher ausgeschieden und hatte sich auf den Heimweg begeben. Der Teufel jedoch hatte eine Schnapsflasche gestohlen und ihn verfolgt, so daß er nun, rot vor Wut, auf ihn einredete: „Möpke“, sagte er, „ich danke dir. Diese verfluchten Zecher! Wie gern würde ich mir jeden von ihnen mal so richtig zur Brust nehmen. Verdient hätten sie nicht die Hölle oder die Kneipe, was, unter uns gesagt, oft aufs selbe hinaus läuft, nein, verdient hätten Sie ein paar Schläge mit dem Rohrstock.“ „Wie konnte die Prügelstrafe nur je abgeschafft werden“, pflichtete Möpke ihm bei. „Seitdem geht alles drunter und drüber“, nickte der Teufel, „willst du Schnaps?“ Möpke bejahte und trank. Augenblicklich verschwamm die Welt vor seinem Auge, und der Teufel holte seinen Rohrstock.

Betrachtungen02.07.2005 15:15h

…nichts widerlicheres, zynischeres, abstoßenderes als das hier.

wer´s nicht glaubt, schalte den fernseher ein, wdr. die „söhne mannheims“ singen in einem „gebet für afrika“: jah is changing all. paul mccartney, u2 und vier beatles-imitate spielen „sgt. pepper´s lonely hearts club band“, darüber steht „end poverty now“, in riesigen lettern.

grotesk, einfach nur grotesk.

nachtrag:

und jetzt bap. die welt ist schlecht; muß man sie noch kontinuierlich schlechter machen?