…nannte Wiglaf Droste anläßlich des 28. Geburtstages der Berliner Mauer im Jahre 1989 einen entzückenden Aufsatz, den ich mir anläßlich des heutigen 44. Geburtstages dieses nützlichen und mittlerweile leider eingedeutschten, also vernichteten Bauwerks zu zitieren erlaube.

Hoch die Mauer!
13.8.89: Berlins nützlichstes Bauwerk wird 28 – eine notwendige Gratulation

Die äußeren Vorgänge sind bekannt. Alljährlich am 13. August, eingeladen und herbeigekarrt von der Gerhard Löwenthal-Gesellschaft für Menschenrechte, versammeln sich rechte Menschen am Checkpoint Charlie, klettern auf einen Aussichtsturm, zeigen mit dem Finger nach Osten und weinen sich die bzw. den weißen Westen naß. Auch am 13. August 1989, als die Sonntagsreden passenderweise an einem Sonntag gehalten wurden, kulminierte das turnusmäßig abgesonderte Gezeter von Berufsvertriebenen, dissidierten Dichtern, Jungunionisten aller Parteien, Ostfront- und Jubelberlinern, von Alt- und Neo-Nationalisten in diesem Wutgeheule: „Hier schießen Deutsche auf Deutsche!“
Die ostentative Empörung dieses Satzes richtet sich dabei keineswegs gegen das „Schießen“ als solches, sondern allein gegen die ethnische Verwandtschaft von Subjekt und Objekt: „Deutsche auf Deutsche!“ und meint: anstatt gemeinsam, wie oft und gründlich eingeübt, mit (wieder)vereinten Kräften auf den schäbigen Rest der Welt, auf Russen, Polen, Tschechen, Briten, Franzosen, Türken und und und.
Nein, wenn überhaupt geschossen werden muß, dann auf Deutsche, bzw. wenn von einem Deutschen noch jemals geschossen werden darf, dann nur auf seinesgleichen. In der Nationalen Frage, diesem Kalten-Krieger-Kaffee, der immer wieder und derzeit wieder einmal verstärkt aufgeheizt wird, in der Deutschen Frage gibt es zum umgekehrten Rassismus keine Alternative: Lieber möge sich das „deutsche Volk“ in seiner Gesamtheit von dieser Erde herunterbefördern, als daß auch nur noch ein Angehöriger einer anderen Nation von einem Deutschen um sein Leben gebracht wird; lieber jeden Tag Schüsse an der deutsch-deutschen Grenze als noch ein wg. Ladendiebstahls erwürgter Asylbewerber in Schwaben oder noch ein einfach so erstochener Türke in Westberlin.
Die Deutschen, also die, die sich sog. Stolz einbilden, Deutsche zu sein, gehören in Schach gehalten, notfalls mit Mauer und Stacheldraht. Läßt man sie von der Leine, tritt immer wieder dasselbe zutage: der Restverstand in den Grenzen von 1937. Der von Weizsäcker salonfähig gemachte Nationalismus wird dankbar aufgenommen auch von sich als links empfindenden Menschen, die mal verklausuliert, mal offen nationale Selbstbestimmung fordern, von einem Paneuropäismus unter deutscher Führung träumen und ihre Expansionsgelüste bis zur letzten Ural-Tankstelle auf der Reichsautobahn schweifen lassen.
Es gibt wenig Abstoßenderes als die Vorstellung einer Wiedervereinigung: noch mehr Deutsche, und alle auf einem Haufen. „Am Chauvinismus ist nicht so sehr die Abneigung gegen die fremden Nationen als die Liebe zur eigenen unsympathisch“, schreibt Karl Kraus; man kann Franzosen, Italiener, Briten, ja sogar Deutsche schätzen (ich habe nichts gegen Deutsche – einige meiner besten Freunde sind Deutsche), aber ein „Volk“, ein „Volksganzes“, einen „Volkskörper“ niemals. Die Vierteilung Deutschlands 1945 war ein Schritt in die richtige Richtung; er hätte konsequent fortgeführt werden sollen statt schrittweise zurückgenommen.
Die Mauer behütet nicht nur die Welt davor, an einem ungebremsten deutschen Wesen zu verwesen, sie schützt auch Honeckers Cordhütchen-Sozialismus vor dem Kneifzangengriff des Kapitals, und umgekehrt bewahrt sie die BRD und Westberlin vor Horden naturtrüber, säuerlich sächselnder DDRler mit Hang zu Billig-Antikommunismus und REP-Wählen – dergleichen gibt es hier schon im Übermaß. Mögen andere Nationen um nichts besser sein – diese ist die unsere; es gilt, zuallererst die eigene Vaterländerei zu hassen und zu verachten. Hierbei ist die Mauer wenn nicht edel, so doch hilfreich und gut. 47 Tage vor ihrem Bau bin ich geboren, und gerne möchte ich mit ihr alt werden. Halten wir die Mauer hoch – sie kann gar nicht hoch genug sein.

Alt wird Droste jetzt ohne Mauer, leider. Das gute Stück wurde, kurz nachdem der Text verfaßt worden war, stückweise abgetragen von massenweise volkstrunkenen Schnauzbartträgern und -trägerinnen, und der nationale Wahn nahm seinen Lauf. Fünfzehn Jahre danach tritt nun eine Partei, Die PARTEI, bei der Bundestagswahl dafür an, die Mauer wieder aufzubauen, allerdings ohne Schießbefehl, denn der hätte relativ wenig populistischen Wert, und im Populismus möchte Die PARTEI sich ja erklärtermaßen suhlen. Bitte wählen, alles andere ist Quark.

„Hoch die Mauer!“ von Wiglaf Droste ist in dem bei Edition Nautilus 1991 verlegten Band „Mein Kampf, dein Kampf“ erschienen. Den gibt´s auch heute noch zu kaufen, im praktischen Verbund mit „Kommunikaze“ und „Am Arsch die Räuber“.