Da man immer wieder auf das Schlimmste gefaßt sein muß, wenn man den Fernseher anschaltet, überrascht es nicht, daß man schon innehält, wenn man mal keine Dampfplauderer, Dummwortakrobaten, Schülermusikgruppen oder Klingeltonwerbung vernimmt, sondern Annett Louisan. Selbstverständlich wird man sofort enttäuscht: Annett Louisan ist eine blonde, stark geschminkte Frau, die einen auf intelligente Unterhaltung macht, das allerdings völlig vergeblich, was für Deutsche nun offensichtlich schon reicht, um sie unter ferner liefen gerade noch so durchzufüttern. Sie bekommt zwar Aufmerksamkeit und vermutlich auch genug Kohle, aber das ganz große Geld machen infantil-debile Spielgruppen wie Juli, Silbermond oder, wenn Nagel weiblich wäre und die Songs auf dem neuen Album alle so klebrig wie „Alles was ich brauch“, evtl. auch Muff Potter; Louisan hat sich ihre Nische an der popkulturellen Heimatfront gesucht, eine Nische, die nach billigem Parfum und Lippenstift, überhaupt: nach Edelbordellen riecht.

Das macht keinen Spaß. Trällerte die Dame auf ihrem letzten Album noch „Ich will doch nur spielen“, was allüberall als unglaublich verrucht, gewagt, erotisch und so weiter gefeiert wurde, wo es eigentlich nur anzüglich und dumm ist, so heißt es nun in „Das große Erwachen“:

Hab nicht viel gesagt, damit man dich hört
Hab nicht laut gelacht, nur falls es dich stört
Du hast viel erzählt, ich tat interessiert
Dabei hab ich kaum was davon kapiert

Ich hab dich verführt, so als hätt ich Lust
Dabei ganz bewusst, nicht zu selbstbewusst
Ich hab mich verrenkt unter deinem Zelt
Und hab so getan, als ob es mir gefällt

Das glaubt man ihr aufs Wort. Frau Louisan singt sich um Kopf und Kragen, um jedes noch so dämliche Klischee vom blonden Dummchen zu erfüllen, und hat mit dem ganzen brünetten Getue dabei nur ein Ziel:

Und jetzt möchte ich dass du mich liebst
Ganz genau so wie ich wirklich bin
Und mir all meine albernen Macken vergibst
Meine Fehler
Jetzt verdammt
Nimm sie hin

„Warum?“, möchte man ihr entgegnen, warum und vor allem wie soll man jemanden lieben, der sich verstellt, der die „Waffen der Frau“ auspackt, jene sexistische Erfindung irgendwelcher Magazine, die so heißen wie man seine Tochter niemals nennen möchte? Man schweigt jedoch, aus Höflichkeit, und hört weiter zu:

Ich hab mich gefärbt, ich hab mich gebräunt
Ich hab doof geguckt, immer schön verträumt
Als einzige Lasche zwischen all den Schnallen
Hab ich mich verstellt, um dir zu gefallen

Nicht nur doof geguckt, Schnalle, möchte man nun aber wirklich loskotzen. Was soll das? Hier ist keine Ironie drin, höchstens ein billiges Augenzwinkern, vor allem aber: die immer wieder gleich blöde Reproduktion des herrschenden Sexismus‘. Wie soll man auf die Straße gehen und Menschen zufällig weiblichen Geschlechts selbstbewußt gegenübertreten, wenn man weiß, daß sie vielleicht gerade Annette Louisan gehört haben? Und die vielleicht für witzig, charmant, intelligent halten? Und einem das dann sagen? Die verstellen sich bestimmt, denn sie sind jung, selbstbewußt und emanzipiert! Und wollen geliebt werden, von Männern, echten Kerlen, die ihnen dann gestatten, daß sie sich ihnen anbiedern.

Von einem solchen stammt übrigens der Text: Frank Ramond heißt er, und Frau Louisan ist nur die Hülle, die seinen Schund ausfüllt. Da paßt es ins Bild, daß auch das Lied an sich, rein musikalisch, völlig mies und beliebig ist; so mies und beliebig, daß es von jedem noch so kostenlosen sog. Musikmagazin als unglaublich anspruchsvoll gefeiert wird, obwohl es nur eins ist: das traurige Symptom eines gemeinen dummen Mißverständnisses: daß „Frauen“ sich wie Frauen und „Männer“ sich wie Männer verhalten müßten.