2005 war ein verdammt gutes Jahr, was Musik angeht. Es sind eine ganze Menge guter Platten erschienen, von denen ich einige sicher verpaßt hätte, hätte nicht die Recommended Listenings-Seite von Questionable Content mir das Tor zur sog. „Indie“-Welt weit aufgestoßen. Umso schwerer war´s, unter all den grandiosen Veröffentlichungen, an die man dank Internet ja mittlerweile recht schnell herankommt, die 20 besten auszusuchen. Wie war das eigentlich früher? Man hat irgendwo von einer Platte gelesen, wollte sie unbedingt haben, ist zum Kleinstadtladen gefahren, der sie natürlich nicht hatte, hat sie dann irgendwo bestellt und drei Wochen drauf gewartet, um sie dann immer und überall zu hören oder sie als Fehlkauf abzutun. Und heute liest man was interessantes auf irgendeinem Blog oder bei last.fm, lädt sich den Scheiß runter und kauft sich die Platte erst hinterher, wenn sie einen wirklich überzeugt hat. Fehlkäufe gibt es praktisch nicht mehr, die Spannung ist dahin, dafür hat man alles. Paradiesisch ist das nicht, dabei wollte ich es früher immer so. Merkwürdig.

Na ja. Manche Platten kriegt man ja immer noch nicht online. Die neue Trend z.B. hab ich mir so richtig old school angeschafft. Macht auch keinen Unterschied, irgendwie. Aber ich wußte ja auch, daß sie gut ist.

Hier sind meine 20 Lieblingsplatten dieses Jahres, von hinten nach vorne:

null
20. D.H. – Der Mann der barfuss Funken schlug

Eine völlig zu Unrecht relativ unbekannte Band, die wahnsinnig mitreißende Punksongs schreibt und auch textlich alles richtig macht.

null
19. Hot Hot Heat – Elevator

Unmengen an Ohrwurmmelodien, die fast den Tiefgang verdecken. Aber nur fast.

null
18. The Figurines – Skeleton

Musik, zu der man Kaffee trinken muß. Schöne, entspannte Popmusik, die beim fünften Mal nebenher plätschern plötzlich eine kräftige Wirkung entfaltet.

null
17. Solefald – Red For Fire – An Icelandic Odyssey I

Diese zwei Norweger machen normalerweise aberwitzigen, musikalisch höchst anspruchsvollen Heavy Metal. Das machen sie auch auf diesem Album, allerdings auf einem ganz ursprünglichen, heidnischen Fundament. Was dabei herauskommt, ist spannend und mitreißend und hat absolut nichts mit dem zu tun, was normalerweise unter „Pagan Metal“ oder „Viking Metal“ verstanden wird.

null
16. Iron & Wine and Calexico – He Lays In The Reins

Absolut homogen finden sich hier zwei Ausnahmebands der Indie-Folk-Szene zusammen und machen wunderschöne Musik, niemals kitschig, immer ganz tief gehend.

null
15. Antony & The Johnsons – I Am A Bird Now

Meine Güte, wie herrlich kann man leiden. Antony ist eine Drag Queen aus New York, mit einer Stimme, die nicht von dieser Welt ist. Gewöhnungsbedürftig, aber unglaublich gut.

null
14. Danse Macabre – Synkopenleben, nein danke

XadornocoreX: Die Wut auf das Bestehende, der Haß auf eine Welt, die aus Leben eine Synkope macht. Inklusive coolem Adorno-Sample am Ende.

null
13. Sleater-Kinney – The Woods

Ein mächtiges Album. Massiven 70er-Jahre-Rock zu zitieren, das trauen sich nicht viele Bands, und hier funktioniert es einfach unglaublich gut.

null
12. Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tralala Band – Horses In The Sky

Endlich hat das Kollektiv aus Montreal auch mal richtig schöne, simple Melodien auf Lager, und wird trotzdem nicht flach. Im Gegenteil, „Horses In The Sky“ ist das intensivste Album der Band.

null
11. World/Inferno Friendship Society – Me V. Angry Mob

Nur in Europa erschienen, nur knapp 20 Minuten lang, aber ein absolutes Meisterwerk. Du willst eine Party feiern, bei dir zu Hause, ganz allein, aber es soll sich so anfühlen, als seien 50 Leute da? Schmeiß diese Platte rein. Und wenn du dann nach 20 Minuten fertig bist mit Tanzen, hör sie nochmal und weine dabei, weil du so beschissen einsam bist.

null
10. La quiete / Louise Cyphre – Split LP

Emo, wie er sein soll : laut, schnell und krachig. Genau so sagt man der Welt, daß sie einen besser nicht noch einmal Montag morgens aus dem verdammten Schlaf reißt.

null
09. The Arcade Fire – Funeral

Nur auf Platz 9, weil trotz einiger wirklich überwältigender Songs auch ein paar Lückenfüller drauf sind und sie ja leider wirklich alle gut finden, haha. Macht nichts, insbesondere „Laika“ und „Rebellion (Lies)“ sind so herrlich, das spottet jeder Beschreibung.

null
08. Clickclickdecker – Ich habe keine Angst vor…

An diesem Album ist nichts ironisch, nichts dekonstruiert oder sonstwie „popkulturell“ aufgearbeitet, das hier ist einfach nur ehrlich gefühlvoll. Clickclickdecker singt sich sein Leben vom Hals, und das macht er wahnsinnig gut.

null
07. Against Me! – Searching For A Former Clarity

Ich war erst etwas irritiert von dem tieferen Gesang, aber dann hab ich das Album so dermaßen häufig gehört, daß es einfach extrem geil sein muß. Der Gesang fügt sich dann auch ein in ein etwas düstereres Konzept als noch auf „The Eternal Cowboy“ – man hört, daß die Jungs auf der Suche nach der früheren Klarheit sind. Eine verdammt aufregende und feuchtfröhliche Suche selbstverständlich.

null
06. Trend – Navigator

Punk.

null
05. Oma Hans – Peggy

Auch Punk.

null
04. The New Pornographers – Twin Cinema

Die New Pornographers haben mir meinen Sommer so dermaßen versüßt, das gibt´s gar nicht. Nur Hits auf diesem Album, und trotzdem ist es nicht billig, sondern hält immer wieder, was es verspricht. Das hier ist das perfekte Pop-Album. Wobei Perfektion nicht immer Platz 1 rechtfertigt.

null
03. Architecture In Helsinki – In Case We Die

Eine verquere, aber niemals wirre Mischung aus allem, was gute Pop-Musik ausmacht. Spiel, Spaß und Spannung sozusagen, ganz große Klasse.

null
02. Chefdenker – Eine von hundert Mikrowellen

„Eine von hundert Mikrowellen“ ist eine angenehm ironische Verbeugung vor Rock´n´Roll, Punk und Wuppertal. Ich weiß nicht, warum man sich vor Wuppertal verbeugen sollte, aber Chefdenker ist, neben BAP und De Höhner, Kölns beste Band, also ist eine Verbeugung in Richtung Köln sicherlich angemessen. Leck mich an de Täsch.

null
01. The Decemberists – Picaresque

Mein Lieblingsalbum des Jahres ist von vorne bis hinten ein herzzereißend gutes Meisterwerk. Nicht ganz so ein perfektes Pop-Album wie „Twin Cinema“, aber gerade das macht den Charme aus. Wehe, die Band findet demnächst jeder Pisser gut. Dann gibt´s Haue.

Enttäuschungen gab´s natürlich auch, ganz besonders das zweite Moneybrother-Album, das eigentlich nur aus lauen Aufgüssen des ersten besteht, und das neue Album der Dackelblut-Fans von Oiro, die das Niveau ihrer ersten 7″s auf „Als was geht Gott an Karneval“ leider nicht halten konnten; trotzdem ein gutes Album, aber irgendwie enttäuschend. Das gleiche gilt für Broken Social Scene, deren neues Album zwar gut ist, aber keine Begeisterungsstürme auslösen konnte. Ganz knapp an der Top 20 Grenze gescheitert sind die grandiosen Opeth mit ihrem Album „Ghost Reveries“.

Jetzt bin ich mal auf 2006 gespannt.