Betrachtungen28.02.2006 22:07h

Staatlich verordneter Alkoholismus ist ja geradezu zwangsläufig in einer Gesellschaft, die Opfer am Fließband produziert, und in der Alkohol eben staatlich gefördertes Narkotikum Nr. 1 ist. Was für amüsante Blüten dies treibt, kann man unter anderem bei dem Versandhaus shoppingwunder.de begutachten: dort gibt es nicht nur eine Fußballvariante des Klassikers „Mensch ärgere dich nicht“, in prä-WM-Zeiten für den lächerlichen Spottpreis von nur 69 Euro, zu erwerben, nein, auch die Spiele Tic Tac Toe und – erstaunlich – Schach (!) werden in trinkerfreundlichen Versionen angeboten und warten mit ganz herzerfrischenden Beschreibungen auf:

Bei Tic Tac Toe gibt es keinen Sieger? Na dann werden Ihre Partygäste ganz schön Augen machen. Bei der heiteren Party-Variante sind alle die Gewinner – Spieler und Publikum!

Das glaube ich unbesehen. Spieler bald betrunken, Publikum längst, und voll am kaputt lachen! So macht Leben Spaß. Und so auch:

Wer glaubt dass ein Schachspiel etwas für alte Leute ist und langweilt, der irrt sich gewaltig! Je weiter das Spiel fortschreitet, desto schwieriger wird es. Denn für jede verlorene Figur muss man den Inhalt derselben trinken…eine lustige Partie ist so garantiert.

Unter Garantie. Ich persönlich verstehe zwar nicht, warum man das schöne und kluge Schachspiel derart verunstalten muss, verspüre aber einen ungeheuren Drang, es zu bestellen, und zwar sofort, denn „mit diesem Schachspiel macht sogar das Verlieren Spaß!“, und darum geht es ja bei diesen Produkten und beim Alkoholismus überhaupt: der eigenen trostlosen Existenz etwas Trost hinzuzufügen. Dabei möchte ich betonen, dass ein gelegentliches kultiviertes Betrinken durchaus auch in vernünftigeren Gesellschaften möglich sein sollte – in dieser unvernünftigen dienen Alkohol und andere Drogen aber selbst kultivierten Zeitgenossen meistens höchstens als Fluchtmittel. Es ist zum Kotzen, aber selbst dafür hat das shoppingwunder gesorgt:

Damit der große Trinkspaß auch ohne große Aufräumarbeiten abgewickelt werden kann, ist das Spielfeld abwischbar.

Ein Glück.

Betrachtungen23.02.2006 23:52h

Wir hatten einen Tip bekommen, von einer Frau, die es wissen mußte: Evelyn, genauer „Dat Evelyn“, ist Wirtin einer Kaschemme unweit des Proberaums der mächtigen Chefdenker, was diese veranlaßte, ihren Stammtisch ins Internet zu stellen und auf einem Konzert in Mülheim an der Ruhr zu erzählen, daß eben diese Evelyn ihnen berichtet habe, von Mülheim an der Ruhr aus könne man auf einem weißen Boot gen Essen-Kettwig schippern, was, wie Kenner des Ruhrgebiets wissen, malerischer nicht sein könnte. Seitdem war das dann Pflicht, das stand fest.

Nur elf Monate später, im noch brüllend heißen September des Jahres 2005, ging es los. Bepackt mit einigen Litern Pilsener Bier der übrigens identischen Krefelder Marken „Schloß“ und „Landfürst“ begaben Genosse S. und ich uns auf den beschwerlichen Weg gen Mülheim an der Ruhr, das nicht umsonst „die grüne Lunge des Ruhrgebiets“ genannt wird. Am sog. „Wasserbahnhof“ angekommen, erwarteten uns bereits ca. 40 Rentner, und das Schiff der Weißen Flotte kam nur wenig später; ich fühlte mich rundum wohl. Der Kahn legte ab, wir waren im Paradies, der Kassierer war es auch: mit jedem Fahrgast unterhielt er sich ausgiebig, anstatt dem Pack einfach das Geld abzuknöpfen und endlich zu uns zu kommen, damit wir ungestört unser Pennerbier auspacken konnten. Offensichtlich war der Kerl mit den meisten per du, die schienen das öfter zu machen. Warum? Das war doch keine Kaffeefahrt. Nicht einmal Gratis-Kaffee gab es; die einzige Attraktion war die Ruhr und der unablässig röhrende Motor des Schiffes. Egal, wir waren nicht zum Spaß hier, in unseren Chefdenker-Shirts war die Mission klar: sie hatte mit Bier zu tun. Erstmal ein KöPi von der Bordkantine, das gute Duisburger Uferfiltrat würde es fürs erste schon richten.

Irgendwann ging es mir richtig gut. Ich malte mir aus, ob die Rentner uns für Fetischisten, für ein Pärchen oder bloß für nutzlose Sozialschmarotzer hielten, rauchte einen Cigarillo und war mit der Welt im Reinen. Ja, ich entwickelte eine gewisse Sympathie für unsere Mitreisenden: sie waren nicht laut, sie schnatterten nicht unablässig Blödsinn in die Luft, die sie so gerade noch am Leben hielt, sie waren einfach nur da und erwarteten den Tod. So sollten Menschen immer sein, dachte ich, das wär doch nicht schlecht.

Dann stiegen alle aus, wir blieben sitzen. Wir hatten bezahlt, die Fahrt konnte noch nicht so schnell zu Ende sein! Dachten wir. Das Schild mit der Aufschrift „Essen-Kettwig“, das sich nur Sekunden nach diesem Gedankengang, und nachdem das Schiff bereits wieder abgelegt hatte, in meine Netzhaut brannte, veranlaßte mich, auf der Stelle einen weiteren Schluck „Landfürst“ zu mir zu nehmen. Angstschweiß brach aus. Einmal Blinder Passagier sein! Auf der Ruhr! So eine Erfahrung macht auch nicht jeder. Hat das Schiff eine Planke? Was lebt in diesem Fluß?

Der Kontrolleur kam diesmal schneller zu uns, zog die Augenbraue hoch und zeigte beim Anblick der sechs leeren Halbliterpullen auf unserem Tisch Verständnis: bei der nächsten Station, irgendwo in der Wildnis, durften wir von Bord, ohne nachzuzahlen. Mir ging es blendend, ein echtes Abenteuer, ausgesetzt an der Ruhr, vier Kilometer vom nächsten Vorposten der Zivilisation entfernt. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, begann ich zu singen, und „Im Frühtau zu Berge“, kam bei beiden Liedern aber nur zwei Zeilen weit und bereute tief den Verlust meiner „Mundorgel“ aus Kindheitstagen. Der „Landfürst“, mittlerweile auf Körpertemperatur, half zwar nicht, jedoch wurde der Rucksack leichter. Kamerad S. war wenig hilfreich, verkannte er doch den Unterhaltungswert alter Volksweisen und verfluchte den Gewaltmarsch; aber der trank ja auch „Schloß“.

Lange dauerte es nicht, bis wir den nächsten spannenden Punkt auf der Reise erreichten: ein sorgfältig abgesperrtes Feld, ein sog. „Naturschutzgebiet“, mit lauter grauen runden Dingern drin, Dinger, die, wie eine Tafel erklärte, „Schluckbrunnen“ und „Sickerschlitzgräben“ waren, Wörter, die ich persönlich für so schön halte, daß sie noch ein Mal genannt und gelesen werden sollten: „Schluckbrunnen“ und „Sickerschlitzgräben“; schöner geht es nicht. Die Sonne schien, die Vögel sangen, wir waren Schluckbrunnen. Keine Sickerschlitzgräben.

Kettwig dann entpuppte sich als malerisches und leicht hügeliges Dorf mit engen Gassen und einigen Biergärten, wobei wir – zwei schwitzende, wankende junge Männer mit Pennerpullen in der Hand, mitten am Tag – in einem davon direkt und ohne Umschweife als Studenten identifiziert wurden. Wir setzten uns und tranken. Leider befanden wir auch, daß wir arme Studenten wären, so daß wir nicht schlemmten wie die Könige, sondern schließlich unseren Weg zur nächsten S-Bahn-Station suchten. Der führte wieder direkt durch das, was so normalerweise unter „Ruhrgebiet“ verstanden wird: eine stinkende Hauptstraße zwischen Industriegebäuden. Die S-Bahn brachte uns zum Glück bald wieder an die Ruhr, wo wir eine angenehm menschenleere Stelle kannten, die ein paar Monate vorher noch unangenehm voll gewesen war. Dort setzten wir uns, stellten fest, daß es immer dunkler wurde, und Freund S. packte seinen Kassettenrekorder aus. Gute Musik erklang, Bier war auch noch da, das Leben war schön. So muß das sein, wenn Frieden herrscht, dachte ich, und dann war der Tag zu Ende.

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Wird Zeit, dass wieder Sommer wird.

Empfehlungen20.02.2006 10:51h

when i was 7 years old, i was watching my tv, and all the cartoons seemed so colourful to me, and all the elves and all the gnomes they filled my head, and i had footprints for i went to bed. and now it seems to me that the colours all have faded on tv, everything was brighter when i was 7. now i am 25 years old, still watching tv, but all the elves and all the gnomes don´t recognize me, and nothing today is like it used to be, but i still have my own tv. and i know the kids today they are alright, to them the colours are still so bright. and everything was brighter when we were 7. and everything was brighter when i was 7.

Mein Lieblingslied hat einen sehr schönen Text. Ich weiß nicht, ob ich alles richtig rausgehört habe, bei „curtains“ und „gnomes“ bin ich mir nicht sicher, aber es ergibt Sinn aber das ist ja auch kein Wunder, denn „cartoons“ ist viel sinnvoller. Jedenfalls ist das mein Lieblingslied, schon seit einigen Wochen, und die Band, die es gemacht hat, heißt Javelins, kommt aus Schweden und macht wunderbar simplen punkigen Indie-Pop, der sofort ins Herz und da auch nicht mehr weg geht.

Mittlerweile besitze ich alles, was die bisher gemacht haben, und es ist alles sehr gut. Gibt´s angenehm billig, weil es selbstproduzierte CD-Rs und eine 7″ sind, die sie verkaufen. Auf deren Label befinden sich noch andere interessante Bands, allen voran die grandiosen Birds Of Galapagos, deren Album ich leider nicht mitbestellte und mir deswegen jetzt ins Knie beißen muss, da der Versand ja doch recht teuer ist.

Egal.

Hier gibt es ein Interview mit ihnen, von der Seite ist auch das Foto da oben. Aufmerksam geworden bin ich auf die Javelins durch den Sampler des tollen Twee Pop Love!, das ihnen auch einen eigenen Eintrag gewidmet hat.

Logbuch11.02.2006 02:56h

…schönen Abend von einem blöden prolligen Kontrolleur darauf aufmerksam gemacht worden, dass Füße nicht auf Sitze gehören; ich hätte ihn ja gesehen. Was´n das für ein blödes Argument?

Nachher: Mensch längs ausgestreckt in einem S-Bahnhof auf Sitzen gesehen, schlafend; Leid relativiert, immerhin.

Nicht kategorisiert08.02.2006 15:24h

…mit meinem breit gefächerten Musikgeschmack. Ich höre jetzt nur noch Richard Cheese.

Betrachtungen07.02.2006 14:50h

Oh, friend, let’s try to score
For peace and not for war,
For love and not for hate
Before it gets too late.

singt Kinky Friedman, der Gouverneur von Texas werden will anstelle des Gouverneurs, in seinem Lied „High On Jesus“, und diese Zeilen höre ich gerade in dem Moment, an dem mal wieder alles zuviel wird und das hochkommende Gefühl mit „Menschenhass“ ganz gut beschrieben werden könnte, wäre ich ein reaktionäres Arschloch. Zum Glück bin ich das nicht, also kann man weiterlesen:

„Lest bloß diesen Text nicht! Der ist für die Klausur nicht wichtig!“ las ich sie schreien, die Musterstudentin, und ja, ich kann ihr das nicht einmal zum Vorwurf machen; warum soll man auch Dinge studieren, die man für die Klausur nicht braucht? Es ist nutz- bzw. wertlos, man kann es nicht zu Erfolg bzw. zu Geld machen, und damit wäre der Sinn eines Studiums im Kapitalismus hinreichend beschrieben. Dennoch: diese Beschränktheit, dieses dumme, unmotivierte, geradezu tote Kapitulieren vor der Realität ist mir komplett zuwider. Manche Menschen in meinem Studiengang hängen der oben zitierten Hippie-Fantasie durchaus an; sie wissen aber nicht – oder wollen nicht wissen –, dass Liebe und Frieden recht wenig mit einem Engagement bei attac oder der lokalen Jusohochschulgruppe zu tun haben: Liebe und Frieden sind in ihrem Fall nur Ausreden für das immer weiter fortlaufende Kultivieren ihrer eigenen Beschränktheit, die irgendwo bei dem gleichzeitigen Konsum von Reggae und THC beginnt und, wenn alles seinen normalen Gang geht, bei einem debilen Hass auf die USA aufhört; irgendwo dazwischen werden meist Dreadlocks geflochten und als weiterer Lebensweg ein „sozialer“ Studiengang eingeschlagen. Genau deshalb gibt es Die Grünen: damit solche Existenzen eine Heimat finden in der Demokratie.

Nun weiß ich nicht, ob das Studentinnenzitat, das ich im Internet las, von so einem Menschen geschrieben wurde, das ist auch gar nicht wichtig; Kapitulieren muss man nicht. Das heißt, man muss schon, wenn man nicht zufällig das Geld hat, sich für den Rest seiner Tage in einer angenehm pompösen Villa einzuschließen, aber man muss es doch nicht so völlig schmerzlos tun. Man merkt doch, dass da was schief läuft, man kriegt doch irgendwann spitz, dass man nur erträgt, nicht aber goutiert, was da läuft. Und dann, was machen die dann, diese Menschen, die nichts anderes gelernt haben? Sie fangen an sich selbst zu hassen. Sie lesen Thomas Hobbes im Philosophieunterricht und halten sich plötzlich für Wölfe. Sie schauen sich die Welt an und erklären sich darüber ihr eigenes Selbst. Sie ignorieren jede vernünftige Erklärung für das Elend in der Welt und halten sich selber für unglaublich böse, für Dämonen, und George Bush ist für sie der Teufel. Sie haben keinen Funken ironischen Glanz in den Augen, nur Anzüglichkeit, wenn sie Dinge sagen, die sie nicht so meinen, sie sind alle direkt hineingerannt in das kalte Wasser der „Demokratie“ und der „Meinungsvielfalt“ und werden nicht müde zu betonen, wie „tolerant“ sie sind. Und dann verkaufen sie all diesen Blödsinn für teuer Kohle, indem sie sich und alle ihresgleichen als wahnsinnig intelligent vermarkten, obwohl daran nur eines stimmt: das wahnsinnig. Und dann soll man ruhig bleiben? Wählen gehen? Arbeiten? Für Deutschland? Deutschland sein?

tja, euer spiel ist mir zu blöde, ich hab da nichts zu geben, die beste rache ist: ein gutes leben!

(Anatol, „Beste Rache“, nie erschienen auf „Rette sich wer darf“)

Nun, irgendwie muss man über die Runden kommen, und das ist letztlich die Kapitulation, die von uns verlangt wird. Bleibt als einziger Ausweg also der Selbstmord? Aber nein. Auf keinen Fall. Nicht ich hasse mich selbst, das sind ja, wie gerade beschrieben, die anderen, die diesen Fetisch kultivieren; Suizid als pathetische Geste ist ja auch so unglaublich billig, so sinnlos, und zurück bleiben ja auch immer welche. Nein, der Ausweg heißt Humor, und damit verbunden: ein gutes Leben. Ein Leben, für das man sich nicht schämen muss, in dem Kompromisse nur gemacht werden, wenn sie wirklich nötig sind, das letzten Endes Spaß macht. Das ist ein ziemlich blöder Ausweg, aber der einzig machbare, solange die Verhältnisse sind wie sie sind. Und eigentlich ist es gar kein Ausweg, nur ein Schutz vor den Zumutungen, die das tägliche Leben im Hier und Jetzt für uns bereithält. Dabei helfen Sänger wie Kinky Friedman, und dabei hilft es auch, selber den Stift zu zücken und einfach mal loszulegen, um Liebe und Frieden vor denen zu verteidigen, die keine Ahnung davon haben. Oder, um mit Wiglaf Droste zu sprechen,

Dieses lehren uns die Schlichten:
Freundlich lächeln; weiterdichten.

Nicht kategorisiert05.02.2006 22:15h

…was genau hat der- oder diejenige wohl gesucht, als er/sie

titelmusik auschwitz

bei Google eingab?

Logbuch, Betrachtungen05.02.2006 01:02h

…sind Dreck.

„Vorbildlich menschenleer“ sei die mecklenburgische Seenplatte, sagte Wiglaf Droste neulich bei „Zimmer frei!“, und deshalb wolle er gerne dort leben. Völlig richtig, sage ich, Ostfriesland tut es aber auch, das ist nicht Zone, sage ich danach. Die paar Touris kriege ich dann auch noch weg.

Der Abend: die Hölle. Bandprobe ausgefallen, ist zwar sehr schade, läßt sich aber ertragen. Die Neugier führt in eine Kifferhöhle, in der sich Menschen gegenseitig dafür abfeiern, ihr Hirn an einen Fernsehapparat und eine Wasserpfeife verschenkt zu haben; läßt sich nicht so gut ertragen, ich hoffe, sie finden es wieder. In der Kneipe tue ich mir lange selber leid und verzweifle darüber, dass ich nicht weiß, wie es besser geht. Das Bier schmeckt nicht, zu allem Überfluss gebe ich ein Euro Trinkgeld und fordere es später zurück, weil ich davon ausgehe, es habe sich um Gläserpfand gehandelt. Noch mehr Selbstmitleid, Ekel vor dem Kellner, vielleicht auch vor mir selbst. Abgründe tun sich auf, ich kralle mir fast panisch meinen Player und haste in der Eiseskälte nach Hause, Schneller Autos im Ohr. Dass dann die Terrassentür noch verschlossen ist, obwohl ich offensichtlich nicht zu Hause bin, inspiriert mich schließlich zu diesem Text.

Und jetzt geh ich schlafen.

Logbuch04.02.2006 15:00h

…will ich dann demnächst auch mal wieder hin:

Ostfriesland ist ein Traum. Plattes Land, gute Luft, gutes Bier, hoher Himmel, Weite, Meer, Ruhe. Und herrlich unaufdringliche, unprätensiöse Menschen. Und Schafe auf‘m Deich.

So steht´s auf Metalust & Subdiskurse, dem Weblog für den intellektuellen St. Pauli-Fan, und präziser habe ich Ostfriesland, dieses Mekka (haha) der Ruhe und Beschaulichkeit, noch nie beschrieben gelesen. Ich war als Kind und Jugendlicher beinahe jeden Sommer dort, mit der Familie, und in meiner Erinnerung geben sich menschenleere Sonnenuntergänge, gemütliche Teestunden bei Freunden und eine unglaublich umfangreiche Sammlung aller möglichen Actionfiguren von He-Man bis M.A.S.K. die Klinke in die Hand. Wir waren dann einen Sommer auch mal in den Bergen, aber da blieben als Erinnerung nur Übelkeit und Bremsenstiche.

Ja, ich muss mal wieder nach Ostfriesland.

Betrachtungen02.02.2006 12:08h

Seit einiger Zeit läuft auf Vox die US-amerikanische Familienserie „Everwood“, u.a. auch mittags um zwölf vor „Gilmore Girls“, so dass ich hin und wieder aus einem mysteriösen Gruselbedürfnis heraus nicht umhin komme, mir die letzten Minuten davon anzusehen. Es ist immer dasselbe: ein Mann und eine Frau schauen sich an und sind betroffen. Sie versuchen, so betroffen wie möglich zu schauen, während sie salbungsvolle Worte an ihr jeweiliges Gegenüber richten, Worte, die irgendwas damit zu tun haben, dass sie irgend etwas nicht können, weil sie an irgendwelche metaphysischen Pflichten gebunden sind, und sie tun dies, obwohl die beiden sich eigentlich die ganze Zeit bespringen wollen.
Dass sie das nicht tun, muss daran liegen, dass die Serie von irgendwelchen teuflischen Neocon-Think-Tanks erdacht wurde, denn anders ist so wenig Sex und so viel Geschwalle über Treue, Ehre, Moral etc. nicht zu erklären. In einem Handlungsstrang geht es um ein Teenagerpärchen, das zunächst einmal Monate lang keinen Sex hat, um dann mal darüber zu reden, dass Sex eigentlich gar nicht so schlecht sein könnte, aber Treue, Moral, was besonderes, bla bla. Schließlich verabreden sie sich in einer abgelegenen Berghütte (!), um es zu tun, tun es dann aber doch nicht (!!), weil dem Mädchen Zweifel gekommen sind, ob das nicht ihrer beider Beziehung zerstören würde (!!!) – so jung und schon so senil. Vorher hat sie noch mit einer bebrillten und auf hässlich gestylten Freundin darüber geredet und findet es bewundernswert und nicht etwa verrückt, dass diese – wen wundert´s – keinen Sex vor der Ehe haben möchte. Das ist so unglaublich realitätsfern, das muss man einmal gesehen haben.
„Everwood“ ist also eine Serie, deren Hauptdarsteller immer betroffen dreinschauen, die reaktionäre Inhalte verbreitet, und in der Teenager so sprechen wie Greise. Dass sie in einem abgelegenen Bergdorf spielt und die Titelmusik eine von massig Geigen abgesonderte kitschig-pompöse Gewalttat darstellt, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Was soll das? Wer schaut sich sowas an?

Direkt danach: „Gilmore Girls“, das genaue Gegenteil solcher Serien, geradezu eine Parodie darauf: in der Serie spielt der ehemalige Skid-Row-Sänger Sebastian Bach sich selbst, heißt aber „Gil“ und heuert bei einer Teenager-Indierock-Band an – mehr muss man nicht wissen, um die Serie zu lieben. Trotzdem: eigentlich erzählt „Gilmore Girls“ die Geschichte einer anfangs 32jährigen Mutter und ihrer 16jährigen Tochter – beide schön, intelligent und koffeinabhängig – in einer fiktiven Kleinstadt in Conneticut. Diese Geschichte ist interessant, witzig, manchmal tragisch und ungemein charmant erzählt und bietet somit alles, was man von einer Serie dieser Art erwarten kann. Zwar ist auch sie nicht perfekt, und die (sehr liebevoll ausgearbeiteten) Charaktere bleiben letzten Endes verhaftet in traditionellen Familienstrukturen, aber vor dem letzten Ende bleibt viel Indie-Charme (grandioser Soundtrack!), angenehm unsentimentaler Herzschmerz, spannende Handlungsstränge und ganz viel Ironie und Humor, was dann auch die Botschaft der Serie ausmacht: lass dich nicht unterkriegen, es lohnt sich immer zu lächeln. Dass die Serie dennoch genug Mainstream ist, um von haufenweise jungen Mädchen abgefeiert zu werden, ist gut und gibt Anlass zur Hoffnung. Dass man sich als Mann hingegen immer noch komischen Blicken ausgesetzt sieht, wenn man in der Öffentlichkeit zugibt, „Gilmore Girls“ klasse zu finden, oder dass zwei Freunde von mir in einer Kneipe, in der die Serie auf Großleinwand ausgestrahlt wurde, die einzigen männlichen Gäste waren, das gibt eher Anlass zur Resignation.

Gut ist es da, noch eine ungesehene neue Folge auf der Festplatte zu haben. Und dazu Kaffee. Viel.