Seit einiger Zeit läuft auf Vox die US-amerikanische Familienserie „Everwood“, u.a. auch mittags um zwölf vor „Gilmore Girls“, so dass ich hin und wieder aus einem mysteriösen Gruselbedürfnis heraus nicht umhin komme, mir die letzten Minuten davon anzusehen. Es ist immer dasselbe: ein Mann und eine Frau schauen sich an und sind betroffen. Sie versuchen, so betroffen wie möglich zu schauen, während sie salbungsvolle Worte an ihr jeweiliges Gegenüber richten, Worte, die irgendwas damit zu tun haben, dass sie irgend etwas nicht können, weil sie an irgendwelche metaphysischen Pflichten gebunden sind, und sie tun dies, obwohl die beiden sich eigentlich die ganze Zeit bespringen wollen.
Dass sie das nicht tun, muss daran liegen, dass die Serie von irgendwelchen teuflischen Neocon-Think-Tanks erdacht wurde, denn anders ist so wenig Sex und so viel Geschwalle über Treue, Ehre, Moral etc. nicht zu erklären. In einem Handlungsstrang geht es um ein Teenagerpärchen, das zunächst einmal Monate lang keinen Sex hat, um dann mal darüber zu reden, dass Sex eigentlich gar nicht so schlecht sein könnte, aber Treue, Moral, was besonderes, bla bla. Schließlich verabreden sie sich in einer abgelegenen Berghütte (!), um es zu tun, tun es dann aber doch nicht (!!), weil dem Mädchen Zweifel gekommen sind, ob das nicht ihrer beider Beziehung zerstören würde (!!!) – so jung und schon so senil. Vorher hat sie noch mit einer bebrillten und auf hässlich gestylten Freundin darüber geredet und findet es bewundernswert und nicht etwa verrückt, dass diese – wen wundert´s – keinen Sex vor der Ehe haben möchte. Das ist so unglaublich realitätsfern, das muss man einmal gesehen haben.
„Everwood“ ist also eine Serie, deren Hauptdarsteller immer betroffen dreinschauen, die reaktionäre Inhalte verbreitet, und in der Teenager so sprechen wie Greise. Dass sie in einem abgelegenen Bergdorf spielt und die Titelmusik eine von massig Geigen abgesonderte kitschig-pompöse Gewalttat darstellt, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Was soll das? Wer schaut sich sowas an?

Direkt danach: „Gilmore Girls“, das genaue Gegenteil solcher Serien, geradezu eine Parodie darauf: in der Serie spielt der ehemalige Skid-Row-Sänger Sebastian Bach sich selbst, heißt aber „Gil“ und heuert bei einer Teenager-Indierock-Band an – mehr muss man nicht wissen, um die Serie zu lieben. Trotzdem: eigentlich erzählt „Gilmore Girls“ die Geschichte einer anfangs 32jährigen Mutter und ihrer 16jährigen Tochter – beide schön, intelligent und koffeinabhängig – in einer fiktiven Kleinstadt in Conneticut. Diese Geschichte ist interessant, witzig, manchmal tragisch und ungemein charmant erzählt und bietet somit alles, was man von einer Serie dieser Art erwarten kann. Zwar ist auch sie nicht perfekt, und die (sehr liebevoll ausgearbeiteten) Charaktere bleiben letzten Endes verhaftet in traditionellen Familienstrukturen, aber vor dem letzten Ende bleibt viel Indie-Charme (grandioser Soundtrack!), angenehm unsentimentaler Herzschmerz, spannende Handlungsstränge und ganz viel Ironie und Humor, was dann auch die Botschaft der Serie ausmacht: lass dich nicht unterkriegen, es lohnt sich immer zu lächeln. Dass die Serie dennoch genug Mainstream ist, um von haufenweise jungen Mädchen abgefeiert zu werden, ist gut und gibt Anlass zur Hoffnung. Dass man sich als Mann hingegen immer noch komischen Blicken ausgesetzt sieht, wenn man in der Öffentlichkeit zugibt, „Gilmore Girls“ klasse zu finden, oder dass zwei Freunde von mir in einer Kneipe, in der die Serie auf Großleinwand ausgestrahlt wurde, die einzigen männlichen Gäste waren, das gibt eher Anlass zur Resignation.

Gut ist es da, noch eine ungesehene neue Folge auf der Festplatte zu haben. Und dazu Kaffee. Viel.