Wir hatten einen Tip bekommen, von einer Frau, die es wissen mußte: Evelyn, genauer „Dat Evelyn“, ist Wirtin einer Kaschemme unweit des Proberaums der mächtigen Chefdenker, was diese veranlaßte, ihren Stammtisch ins Internet zu stellen und auf einem Konzert in Mülheim an der Ruhr zu erzählen, daß eben diese Evelyn ihnen berichtet habe, von Mülheim an der Ruhr aus könne man auf einem weißen Boot gen Essen-Kettwig schippern, was, wie Kenner des Ruhrgebiets wissen, malerischer nicht sein könnte. Seitdem war das dann Pflicht, das stand fest.

Nur elf Monate später, im noch brüllend heißen September des Jahres 2005, ging es los. Bepackt mit einigen Litern Pilsener Bier der übrigens identischen Krefelder Marken „Schloß“ und „Landfürst“ begaben Genosse S. und ich uns auf den beschwerlichen Weg gen Mülheim an der Ruhr, das nicht umsonst „die grüne Lunge des Ruhrgebiets“ genannt wird. Am sog. „Wasserbahnhof“ angekommen, erwarteten uns bereits ca. 40 Rentner, und das Schiff der Weißen Flotte kam nur wenig später; ich fühlte mich rundum wohl. Der Kahn legte ab, wir waren im Paradies, der Kassierer war es auch: mit jedem Fahrgast unterhielt er sich ausgiebig, anstatt dem Pack einfach das Geld abzuknöpfen und endlich zu uns zu kommen, damit wir ungestört unser Pennerbier auspacken konnten. Offensichtlich war der Kerl mit den meisten per du, die schienen das öfter zu machen. Warum? Das war doch keine Kaffeefahrt. Nicht einmal Gratis-Kaffee gab es; die einzige Attraktion war die Ruhr und der unablässig röhrende Motor des Schiffes. Egal, wir waren nicht zum Spaß hier, in unseren Chefdenker-Shirts war die Mission klar: sie hatte mit Bier zu tun. Erstmal ein KöPi von der Bordkantine, das gute Duisburger Uferfiltrat würde es fürs erste schon richten.

Irgendwann ging es mir richtig gut. Ich malte mir aus, ob die Rentner uns für Fetischisten, für ein Pärchen oder bloß für nutzlose Sozialschmarotzer hielten, rauchte einen Cigarillo und war mit der Welt im Reinen. Ja, ich entwickelte eine gewisse Sympathie für unsere Mitreisenden: sie waren nicht laut, sie schnatterten nicht unablässig Blödsinn in die Luft, die sie so gerade noch am Leben hielt, sie waren einfach nur da und erwarteten den Tod. So sollten Menschen immer sein, dachte ich, das wär doch nicht schlecht.

Dann stiegen alle aus, wir blieben sitzen. Wir hatten bezahlt, die Fahrt konnte noch nicht so schnell zu Ende sein! Dachten wir. Das Schild mit der Aufschrift „Essen-Kettwig“, das sich nur Sekunden nach diesem Gedankengang, und nachdem das Schiff bereits wieder abgelegt hatte, in meine Netzhaut brannte, veranlaßte mich, auf der Stelle einen weiteren Schluck „Landfürst“ zu mir zu nehmen. Angstschweiß brach aus. Einmal Blinder Passagier sein! Auf der Ruhr! So eine Erfahrung macht auch nicht jeder. Hat das Schiff eine Planke? Was lebt in diesem Fluß?

Der Kontrolleur kam diesmal schneller zu uns, zog die Augenbraue hoch und zeigte beim Anblick der sechs leeren Halbliterpullen auf unserem Tisch Verständnis: bei der nächsten Station, irgendwo in der Wildnis, durften wir von Bord, ohne nachzuzahlen. Mir ging es blendend, ein echtes Abenteuer, ausgesetzt an der Ruhr, vier Kilometer vom nächsten Vorposten der Zivilisation entfernt. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, begann ich zu singen, und „Im Frühtau zu Berge“, kam bei beiden Liedern aber nur zwei Zeilen weit und bereute tief den Verlust meiner „Mundorgel“ aus Kindheitstagen. Der „Landfürst“, mittlerweile auf Körpertemperatur, half zwar nicht, jedoch wurde der Rucksack leichter. Kamerad S. war wenig hilfreich, verkannte er doch den Unterhaltungswert alter Volksweisen und verfluchte den Gewaltmarsch; aber der trank ja auch „Schloß“.

Lange dauerte es nicht, bis wir den nächsten spannenden Punkt auf der Reise erreichten: ein sorgfältig abgesperrtes Feld, ein sog. „Naturschutzgebiet“, mit lauter grauen runden Dingern drin, Dinger, die, wie eine Tafel erklärte, „Schluckbrunnen“ und „Sickerschlitzgräben“ waren, Wörter, die ich persönlich für so schön halte, daß sie noch ein Mal genannt und gelesen werden sollten: „Schluckbrunnen“ und „Sickerschlitzgräben“; schöner geht es nicht. Die Sonne schien, die Vögel sangen, wir waren Schluckbrunnen. Keine Sickerschlitzgräben.

Kettwig dann entpuppte sich als malerisches und leicht hügeliges Dorf mit engen Gassen und einigen Biergärten, wobei wir – zwei schwitzende, wankende junge Männer mit Pennerpullen in der Hand, mitten am Tag – in einem davon direkt und ohne Umschweife als Studenten identifiziert wurden. Wir setzten uns und tranken. Leider befanden wir auch, daß wir arme Studenten wären, so daß wir nicht schlemmten wie die Könige, sondern schließlich unseren Weg zur nächsten S-Bahn-Station suchten. Der führte wieder direkt durch das, was so normalerweise unter „Ruhrgebiet“ verstanden wird: eine stinkende Hauptstraße zwischen Industriegebäuden. Die S-Bahn brachte uns zum Glück bald wieder an die Ruhr, wo wir eine angenehm menschenleere Stelle kannten, die ein paar Monate vorher noch unangenehm voll gewesen war. Dort setzten wir uns, stellten fest, daß es immer dunkler wurde, und Freund S. packte seinen Kassettenrekorder aus. Gute Musik erklang, Bier war auch noch da, das Leben war schön. So muß das sein, wenn Frieden herrscht, dachte ich, und dann war der Tag zu Ende.

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Wird Zeit, dass wieder Sommer wird.