Einen interessanten Text zum Thema „Menschen mit Behinderungen“ las ich heute bei Metalust & Subdiskurse und schrieb dazu einen Kommentar, den ich mit folgenden Worten beschloss:

Jedenfalls bin ich nach wie vor einerseits sehr froh, daß es im Kapitalismus wenigstens diesen Schonraum – die GB-Schule – gibt, an der Menschen nicht den sonst normalen unmenschlichen Leistungsanforderungen ausgesetzt sind, andererseits macht mich das sehr traurig, daß nicht jedes Kind in den Genuß eines offenen Unterrichts ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck kommen darf. Denn das steht für mich fest: das Konzept einer Schule für alle muß sich genau an dieser Schulform orientieren – wofür es allerdings vermutlich einer anderen Gesellschaft bedarf.

Erst nachher las ich dann den ebenfalls sehr interessanten Text, auf den das Metalust-Blog sich bezieht, und fand darin folgende Stelle über die steigende Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen bei dem Befund „Ihr Kind ist behindert“:

Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in einer Studie von Wolfgang Lenhard: „Eine metaanalytische Auswertung von 20 Studien zeigte, dass 90% der Frauen im Falle eines positiven Trisomie 21-Befundes die Schwangerschaft beenden.“ Und es wird immer weiter an den Selektionsprozessen gefeilt. In den Niederlanden ist man schon einen Schritt weiter, dort wird bereits Früheuthanasie betrieben.

Diese erschreckende Tatsache (übrigens: gerade Kinder mit Trisomie 21 und deren Familien haben ja sehr häufig ein wunderbares Leben!) hat in mir folgende Überlegung ausgelöst, ergänzend zu dem oben zitierten Kommentar: diese Menschen, die in unserer kapitalistischen Gesellschaft eben als „behindert“ gelten und für die der Kapitalismus einen Schonraum einrichtet, den er sich in immer größerem Maße nicht mehr leisten kann, weil er seiner Logik widerspricht, werden genau deshalb in Zukunft immer weniger, weil der Kapitalismus halt keine Verwendung für sie hat. Somit entfällt der Widerspruch zwischen dem Schonraum Sonderschule und der Gesellschaft irgendwann, indem die kapitalistischen Verhältnisse quasi selber dafür sorgen, dass der Schonraum überflüssig wird: das Leben verliert an Vielfalt, denn der Kapitalismus bringt nur noch den für ihn passenden Menschen hervor. Ohne Kapitalismus bestünde keine Notwendigkeit für Pränataldiagnostik, weil keine Notwendigkeit für „funktionierende“ Menschen bestünde. Leider wird diese Ebene oft unterschlagen, auch in der Sonder- bzw. Heilpädagogik, und man argumentiert mit Kategorien wie „Normalität“, „Gesundheit“ usw., was ja alles richtig ist, die Grundbedingung für „unnormale“ und „behinderte“ Menschen aber schlichtweg nicht beachtet.

Nun könnte man einwenden, es jucke Menschen, die es nicht gibt, nicht, dass es sie nicht gibt. Und das ist ja auch völlig richtig, verkennt aber, dass das nur ein Symptom ist für die gerade beschriebenen Zustände. Und um die geht es wirklich, und die gehören genau deshalb abgeschafft.