Betrachtungen07.06.2006 00:34h

Wie wir alle wissen, ist myspace des Teufels. Jetzt habe ich mir aber gezwungenermaßen doch dort einen Alibi-Account zugelegt, um die drei von Fans eingesandten Videos zu „Obsession (beschlossen)“ von NinaMarie anzuschauen, die gibt´s nämlich nur auf deren myspace-Seite. Nebenbei kann ich jetzt in Anfällen besonders starken Masochismus‘ das Elend der menschlichen Existenz in zahllosen Fotoalben einer näheren Untersuchung unterziehen. Da liegt ein ästhetisches Problem vor, bei diesen Menschen.

Wie dem auch sei, das erste NinaMarie-Video, das mit den Kindern, ist jawohl sowas von schön. Angucken!

Betrachtungen25.05.2006 22:59h

Manchmal bereue ich es, nicht bei der GEZ gemeldet zu sein. Ich könnte mich dann nämlich wieder abmelden, mit der Begründung: „Johannes B. Kerner ist als Moderator überbezahlt, meine Geräte habe ich alle verschenkt (Polen etc.)“. Mein Name stünde dann in der Titanic.

Also, lieber GEZ-Mann: beehre uns doch bitte bald wieder mal. Das letzte Mal, als du da warst (so vor ein-zwei Jahren) warst du zwar so doof, die im Hintergrund laufende Folge der „Lindenstraße“ komplett zu ignorieren, als ich „Nein, wir haben keinen Fernseher, und ich hab jetzt auch überhaupt keine Zeit“ intonierte, aber das muss ja nicht für immer so bleiben!

Logbuch, Betrachtungen04.05.2006 12:45h

…lese gerade Simon Borowiaks Buch „Alk“, in dem alles wichtige, erheiternde und deprimierende über Alkohol drinsteht, und komme zu dem Schluss, dass es neben der Möglichkeit, jederzeit überall sein kleines Geschäft verrichten zu können, nur noch einen weiteren Vorteil des biologisch-Mann-seins gibt: eine deutlich höhere Alkohol-Toleranz. Deshalb kann ich zwar Herrn Borowiaks Ausführungen zu Alkohol ganz gut nachvollziehen, nicht aber die Tatsache, dass er früher Simone Borowiak hieß und diesen Vorteil einfach so aufgegeben hat, sind Frauen doch in der Regel viel bessere und schönere Menschen als Männer. Na ja, muss jeder selber wissen.

Eine Frechheit übrigens, dass es im Jahre 2006 immer noch weder Nulltransport noch eine bequeme und schnelle Möglichkeit zur Geschlechtsumwandlung gibt. Wobei: noch besser wäre es, wenn gar keine Notwendigkeit dazu bestünde, weil alle Körper alle Rollen erfüllen dürften. Auch das eine Frechheit, dass das immer noch nicht geht. Diese ganze Welt ist eine Frechheit. Man sollte ihr ein paar kleben.

Betrachtungen25.04.2006 22:02h

Ich weiß nicht, wie man das Böse aus Potsdam vertreiben kann. Die einen meinen mit Flammenwerfern, die anderen mit guten Worten. Ich neige nicht zum Vergeben und Verzeihen, ich neige zum Flammenwerfer.

(Franz Josef Wagner in seiner „Post von Wagner“ vom 20.4. )

Ja, Franz-Josef, auf in die Schlacht! Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir:
„Suff, Paris-Bar, Udo Walz: Was trieb Wagner in den Wahnsinn?“
„Der Irre und sein Flammenwerfer: wie aus Gossen-Goethe Amok-Wagner wurde“
„Dresden 1945 – Potsdam 2006: Schicksalsstunden für Deutschland“

Ich bin Fan.

Betrachtungen18.04.2006 12:37h

Durch die materielle Sicherheit seines Standes in die Lage versetzt, seine Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, findet Oblomow keinen Ausweg aus der erstickenden Ruhe, Trägheit und Schläfrigkeit, welche die Darstellung seines Lebens leitmotivisch durchziehen. Er verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens auf dem väterlichen Gut Oblomowka, in dem der Mittagsschlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. (…)

Der Name des Titelhelden „Oblomow“ wurde in die Psychiatrie eingeführt und soll die Persönlichkeitsstruktur eines willensschwachen Neurotikers beschreiben, der sich durch Apathie, Faulheit und Parasitismus auszeichne. Dieser Typus ließe andere für sich sorgen, während er sonst in intellektueller, gemütlicher und moralischer Hinsicht nicht versage. Seine Muße sei weder produktiv, noch vermöge er sie zu genießen.

(de.wikipedia.org/wiki/Oblomow)

Eine leichte Darmverstimmung ist etwas ernstes. Man muss sich, zumal wenn man ich ist, ernsthaft damit auseinandersetzen, sonst führt das ja zu nichts. Es führte also zu etwas, und zwar dazu, dass ich im Kopf und im Internet alle möglichen Krankheiten auf ihre Tauglichkeit für meinen Körper abklopfte, um schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass es etwas ernstes sein muss. Und ja: mehrere Wochen am Stück relativ regelmäßig zu trinken, vermutlich der Übung wegen, um dann das ganze bei einem furiosen 12stundenbesäufnis ausklingen zu lassen, ist etwas ernstes und führt nun dazu, dass ich, aus Rücksicht meinem Darm gegenüber, mal eine Weile das Diktum eines Mannes beherzigen werde, dessen Name mir leider entfallen ist: „Ihr Trinker habt es gut. Ihr braucht nur aufhören zu trinken, und schon geht es euch besser.“

Ich glaube, es war ein Bekannter Harry Rowohlts, der das zu eben jenem sagte. Bis jetzt – also von Freitag bis jetzt – stimmt das aber schonmal überhaupt nicht. Gut, man kommt recht frisch aus dem Bett, aber dann fängt die Scheiße schon an: was soll man tun mit dem Tag? Was mit den nächsten? Was nützt die ganze Frische, wenn man sie nicht bei einem gemütlichen Feierabendbier dem nächstbesten an den Hals wünschen kann? Ich habe also beschlossen, den Müll herunterzubringen. Am Freitag bekomme ich eh hohen Besuch, da muss das hier mal sauber sein. Im Treppenhaus wird geredet, also geht das erst 10 Minuten später. 10 Minuten später: Leider sind alle Mülltonnen voll, also muss der Müll wieder hoch. Kein Problem, man soll ja für seine Haustiere sorgen!

Als nächstes beschließe ich, meine Zeit damit zu verbringen, aus dem Internet geladene Fernsehserien zu schauen und aus dem Internet geladene Musik zu hören: das neue Album von TV On The Radio etwa, das sehr gut ist, sehr gospel-, pop- und auch ein bißchen funk-mäßig, oder die grandiose 10″ von NinaMarie, „Scheiß. Taxi Scheiß. Paris“, die ich mir allerdings auch gekauft habe (10 Euro für 10 Minuten Musik und eine schöne Verpackung, aber na ja, Majorlabel halt, was will man machen!). Die neuen Folgen der Gilmore Girls und der Simpsons passen auch gut in meinen Tagesplan und sind herzallerliebst, auch wenn ich mich irgendwie viel zu sehr über die Charaktere ersterer Serie aufregen muss zur Zeit. Das muss doch alles nicht sein! Seid doch mal vernünftig!

Ich werde heute auch noch zur Universität gehen. Gehört ja irgendwie dazu. Und wenn ich fertig bin mit mir und meinem Darm und wieder unbeschwerter lachen kann, gehe ich nach Bochum ins Oblomow, wo die Tische kleben, der Wirt eine enge schwarze Lederhose trägt und tatsächlich manchmal Funny van Dannen läuft, und dann sitze ich da mit meinem nachgemachten Borsalino aus dem Internet und frage mich einmal mehr, wie ich es schaffen kann, dem Ganzen auch weiterhin etwas Gutes abzugewinnen. Und sollte es mir gelingen, am nächsten Morgen habe ich es eh vergessen.

Betrachtungen05.04.2006 11:08h

Erste Vorlesungswoche: Mensa-Essen auf den Anzeigetafeln, das man ohnehin nicht essen wird, sich aber dennoch anschaut. Zwei engagierte junge Männer sprechen Gen. S und mich, die sie „die zwei Herren“ nennen, an.

Die: „Entschuldigung, wir sind von der Volksinitia…“
Ich: „Kein Interesse.“
Die: „Kein Interesse? Wir…“
S.: „Nichts, was mit Volk zu tun hat.“
Ich: „Das funktioniert sowieso nicht.“
Die: „Doch, das funktioniert. Wir…“
Ich: „Dafür sorgt schon der demokratische Rechtsstaat, dass das nicht funktioniert.“
Die: (erklären, dass es doch funktioniert: es gehe nämlich um 0,2% der Haushaltsmittel für die Kinder- und Jugendförderung. Dafür sammeln sie Unterschriften.)

S. (nach einigem Blabla): „Worum ging es nochmal?“
Die: „Um die Kinder- und Jugendförderung.“
S.: „Die interessiert mich eigentlich überhaupt nicht.“
Der eine: „…“
Der andere: „Is‘ auch ne Meinung.“
Beide: (gehen). Der Weg zur Mensa ist frei.

Dort angekommen, die beiden scheiße toleranten Brechmittel gerade verdaut, die als Essen getarnten Brechmittel vor uns ausgebreitet, kommt ein drittes hinzu: ein freundlicher Kommilitone legt uns Flyer mit dem Slogan „Du bist Party…“ auf den Tisch. Darunter: „Wir feiern Deutschland aus dem Konsumtief!“ Das steht da wirklich. Und auf der Rückseite, obacht: „Feiern für einen guten Zweck.“ Saufen für Deutschland? „Für einen guten Zweck“? Ja, spinnen die? Da muss man etwas gegen tun: schnell alle Flyer vom Tisch in die eigene Tasche gefegt. Ich feiere mich selbst: eine Tat, die den Kommunismus ein Stück näher bringt. Jetzt kann mir niemand mehr vorwerfen, ich sei Salonkommunist! Oder Sesselkommunist. Oder überhaupt kein Kommunist. Obwohl das natürlich scheißegal ist. Später schneide ich mich fast an dem Flyer, als ich in der Tasche nach etwas krame. Der Rache Deutschlands gerade noch entkommen! Ich feiere diesen Erfolg mit gutem deutschen Bier und beende den Tag an der Uni mit „Allegro Barbaro“ von Die Apokalyptischen Reiter im Ohr:

I dance every morning till the sun goes down
I laugh loud as long the world turns round
The end draws near: every evening, day by day
Come dance with me, it is too late

(Die Apokalyptischen Reiter, „Dance With Me“)

Betrachtungen28.03.2006 14:10h

Die Titanic meldet, was ich schon immer wusste: Die Deutschen sind die Klügsten – die Klügsten im Bereich „industrieller Massenmord“ und „massenhaftes Selbstmitleid“? Nein. Der britische Psychologe Richard Lynn, von dem dieser hanebüchene Unsinn stammt, meint ganz profan: die Klügsten. Und hat da auch „eine ungewöhnliche Erklärung“ für, wie es im Spiegel heißt:

Die kalten Temperaturen haben nach Ansicht des Professors die hiesigen Gehirne voluminöser werden lassen.

Ah, ja. Doch nicht nur die Tatsache, dass es hier rattenkalt ist, sei für die deutsche Überintelligenzbestie verantwortlich, auch „fleischige Nahrung“ habe ihr Scherflein dazu beigetragen:

„Die frühen Menschen in nördlichen Gebieten mussten die kalten Winter überleben, in denen es keine pflanzliche Nahrung gab, und waren gezwungen, großes Wild zu jagen“, sagte Lynn der „Times“. Die Nahrung bilde den größten äußeren Einfluss auf den IQ, und die Menschen in Südosteuropa hätten durch die fleischärmere Ernährung weniger Proteine, Mineralien und Vitamine abbekommen. „Sie sind wichtig für die Entwicklung des Gehirns“, meint Lynn.

Hat schon einmal jemand den Intelligenzquotienten der Inuit gemessen? Die müßten vor lauter Robbenfleisch ja komplett genial geworden sein. Oder Welteroberer:

Auch die militärischen Siege der Briten gegen die Franzosen im Laufe der Jahrhunderte sieht Lynn unter anderem mit seinem Befund erklärt: Es sei ein Gesetz der Geschichte, dass das militärische Lager mit dem größeren IQ gewinne.

Moment, wie war das noch mit dem Zweiten Weltkrieg…? Ach so:

Diese Regel gelte allerdings nicht, wenn – wie bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg der Fall – die Armee zahlenmäßig stark unterlegen sei.

So ein Mist aber auch. Da waren die Deutschen schon die klügsten Meuchelmörder und wurden doch von ihnen zahlenmäßig überlegenen Idioten niedergemacht.

Diese Studie reiht sich ein in den völlig unsinnigen Umgang mit dem Thema „Intelligenz“ und „Gehirn“ in den populären Medien. Biologistischer Blödsinn wird als Wissenschaft verkauft, gesellschaftliche Bedingungen, ganze Bevölkerungsgruppen auf eine Zahl eingestampft, der Körper, die Ernährung oder was auch immer zum Maßstab der Geschichte gemacht. Dabei ist nüchtern betrachtet das Ergebnis des Ganzen folgendes: wer 1. überhaupt auf die Idee kommt, ein europäisches IQ-Ranking erstellen zu wollen, ein Ranking also, das schlicht und einfach überhaupt keine Aussagekraft hat, und dann aber 2. noch für jedes Land andere Studien als Datengrundlage heranzieht, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, ist der Studie zufolge also Brite und sollte, zumal als emeritierter Professor, einfach mal die Klappe halten.

Nachtrag: Weiteres dazu bei ascetonym.

Betrachtungen25.03.2006 23:30h

Ein gewisser Holger Elias schreibt in dem früheren Zentralorgan der „Freien Deutschen Jugend“, junge Welt, folgendes:

Ein wenig Resignation schwingt schon mit, wenn man die Leute auf den Straßen Sachsen-Anhalts nach den Landtagswahlen am Sonntag fragt. »Hier ändert sich sowieso nichts«, hört man, meist garniert mit der typischen Handbewegung. »Egal, wer in Magdeburg sitzt, für uns kommt eh nichts dabei rum.«

Die Analyse stimmt: egal, wer an der Macht ist, gemacht wird, was dem Staat nützt, nicht den Menschen. Die haben zwar Bedürfnisse, doch Politiker sind Angestellte des Staates und haben diesem abstrakten Gebilde zu dienen, und zwar ausschließlich; um Bedürfnisse geht es immer nur an zweiter Stelle, wenn überhaupt.

So.

Anstatt aber nun mit Fackeln den Reichstag zu stürmen, wie es total kaputten Menschen eigentlich gebürte, wird auf gutes Opfer gemacht: es wird gejammert, es wird deutsch. Die „Bild“–“Zeitung“ wird gelesen, „DSDS“ wird geschaut, „Klinsi“ wird gerügt dafür, dass er in den USA wohnt, dort, wo´s angeblich mehr Sonne hat als hier – eine Frechheit! Aber die Naturkatastrophen, he he –, und wenn man mal das Wort erhebt und ein bisschen was von Kommunismus erzählt, werden die Ohren verschlossen und Kreuze gemacht. Das ist Deutschland, das ist deutsche Demokratie.

Dabei wäre doch alles so einfach: die erwähnten Fackeln vor dem Reichstag, die Bundeswehr im Innern, im Innern des Volkes, vor allem deren Kugeln, und es herrschte endlich Diktatur. Diktatur, das wäre herrlich. Das wär‘ nicht sowas raffiniert verlogenes wie der Beschiss, dem wir heute so ausgesetzt sind: diesem verschleierten Herrschaftssystem, das dieses hässliche Lächeln der Menschen, die sich wählen lassen wollen (die meisten aus Opportunismus, manche – dümmere – aus Idealismus), hervorbingt, dieses ästhetische Verbrechen, dem man ständig aus irgendwelchen völlig nichtigen Anlässen – Bundestags-, Landtags-, gar Europawahl – ausgesetzt ist, diese völlig dumme Beleidigung jedes An- und Verstandes. Auf die Dauer kostet das übrigens beides: Anstand, weil Anstand ein Lieblingswort bürgerlicher Idioten ist, Verstand, weil es Psychiatrien gibt. Wie kommt man da wieder raus?

Nur sehr schwer. Ein Arzt muss einen gesund schreiben. Also besser gar nicht erst krankschreiben lassen, sondern die Fackel rausholen und sie irgend einem derjenigen in die Hand drücken, die dieser Herr Elias da so gehört hat. Dann rauf auf den Balkon und den Kasten Bier nicht vergessen – es wird ein vergnüglicher Abend!

Betrachtungen18.03.2006 20:13h

Einen interessanten Text zum Thema „Menschen mit Behinderungen“ las ich heute bei Metalust & Subdiskurse und schrieb dazu einen Kommentar, den ich mit folgenden Worten beschloss:

Jedenfalls bin ich nach wie vor einerseits sehr froh, daß es im Kapitalismus wenigstens diesen Schonraum – die GB-Schule – gibt, an der Menschen nicht den sonst normalen unmenschlichen Leistungsanforderungen ausgesetzt sind, andererseits macht mich das sehr traurig, daß nicht jedes Kind in den Genuß eines offenen Unterrichts ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck kommen darf. Denn das steht für mich fest: das Konzept einer Schule für alle muß sich genau an dieser Schulform orientieren – wofür es allerdings vermutlich einer anderen Gesellschaft bedarf.

Erst nachher las ich dann den ebenfalls sehr interessanten Text, auf den das Metalust-Blog sich bezieht, und fand darin folgende Stelle über die steigende Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen bei dem Befund „Ihr Kind ist behindert“:

Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in einer Studie von Wolfgang Lenhard: „Eine metaanalytische Auswertung von 20 Studien zeigte, dass 90% der Frauen im Falle eines positiven Trisomie 21-Befundes die Schwangerschaft beenden.“ Und es wird immer weiter an den Selektionsprozessen gefeilt. In den Niederlanden ist man schon einen Schritt weiter, dort wird bereits Früheuthanasie betrieben.

Diese erschreckende Tatsache (übrigens: gerade Kinder mit Trisomie 21 und deren Familien haben ja sehr häufig ein wunderbares Leben!) hat in mir folgende Überlegung ausgelöst, ergänzend zu dem oben zitierten Kommentar: diese Menschen, die in unserer kapitalistischen Gesellschaft eben als „behindert“ gelten und für die der Kapitalismus einen Schonraum einrichtet, den er sich in immer größerem Maße nicht mehr leisten kann, weil er seiner Logik widerspricht, werden genau deshalb in Zukunft immer weniger, weil der Kapitalismus halt keine Verwendung für sie hat. Somit entfällt der Widerspruch zwischen dem Schonraum Sonderschule und der Gesellschaft irgendwann, indem die kapitalistischen Verhältnisse quasi selber dafür sorgen, dass der Schonraum überflüssig wird: das Leben verliert an Vielfalt, denn der Kapitalismus bringt nur noch den für ihn passenden Menschen hervor. Ohne Kapitalismus bestünde keine Notwendigkeit für Pränataldiagnostik, weil keine Notwendigkeit für „funktionierende“ Menschen bestünde. Leider wird diese Ebene oft unterschlagen, auch in der Sonder- bzw. Heilpädagogik, und man argumentiert mit Kategorien wie „Normalität“, „Gesundheit“ usw., was ja alles richtig ist, die Grundbedingung für „unnormale“ und „behinderte“ Menschen aber schlichtweg nicht beachtet.

Nun könnte man einwenden, es jucke Menschen, die es nicht gibt, nicht, dass es sie nicht gibt. Und das ist ja auch völlig richtig, verkennt aber, dass das nur ein Symptom ist für die gerade beschriebenen Zustände. Und um die geht es wirklich, und die gehören genau deshalb abgeschafft.

Betrachtungen17.03.2006 12:49h

das ist meine kleine nische / wenn´s bekannt wird, hau ich ab

Das haben Oma Hans jetzt getan. Heute ist das definitiv letzte Konzert, und alle, die nicht hingehen, sind doof. Was für Oma Hans und selbstverständlich auch die Vorgängerbands Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle und Dackelblut zählte, war Punkrock, sonst nichts, und gerade deshalb waren diese Bands dann doch irgendwie mehr als das, vor allem: unglaublich authentisch. Kein gekünsteltes Getue in den Texten oder auf der Bühne, keine Überheblichkeit, einfach nur ehrlicher Punk der besten Sorte. Das heißt in diesem Fall: der Sorte Wipers, und die Art, wie sie ihren großen Vorbildern Tribut zollen, passt da hervorragend zu: auf der letzten Single, korrekt mit „Abmeldung“ betitelt, befindet sich das Lied „Danke, Wipers!“. So macht man das, so verabschiedet man sich: Jens Rachut kommt auf die Bühne, schnappt sich das Mikrofon und sagt: „Wir sind Oma Hans aus Hamburg, das ist unser vorletztes Konzert, und wir bringen das ganze ehrenhaft über die Bühne.“ Mehr muss man nicht sagen, und das bleibt auch – neben dem freundlichen Rat an die Duisburger, bitte nicht abzusteigen, man habe doch so einen tollen Torwart und ein schönes Stadion – die einzige Ansage während des darauf folgenden Best-Of-Katalogs der Band. Selten wirkten graue Haare und Baseballcap auf mich würdevoller als in diesen Momenten. Immer wieder schleicht sich ein Lächeln auf Rachuts Gesicht, und man merkt: hier freut sich jemand wirklich über diese Verabschiedung; und natürlich auch darüber, nie wieder auf irgendwelche Setlists am Boden oder die Takte des Schlagzeugs achtgeben zu müssen.
Aber auch die anderen Bandmitglieder sollen nicht unerwähnt bleiben: Andreas Ness, mit dem immer gleichen lakonischen Blick, spielt die perfekten Schrammelriffs, während Bassistin Peta Devlin und Schlagzeuger Armin dafür sorgen, dass das ganze nicht doch noch auf der letzten Runde zusammenbricht. Bei „In der Ukraine“ kommt auch noch ein Gitarrist der im übrigen ebenfalls ausgezeichneten Supportband Billy No Mates („and now – the mighty Oma Hans“ in wunderbarem Cockney-Englisch) auf die Bühne und setzt dem Tophit schlechthin noch einen drauf; spätestens jetzt sind alle glücklich, ich bin es schon lange.

Oma Hans sind Oma Hans und werden´s immer bleiben. Bitte hören und verlieben!

Und wer aus Hamburg kommt: heute hingehen!Jemand, der vielleicht aus Hamburg kommt, ist hingegangen und hat einen ganz großartigen Bericht geschrieben!