Spartenliteratur03.06.2006 03:44h

Gute Nacht, sagt der Mann, und zündet sich ´ne Kippe an. Das Zippo macht ein Geräusch, das entfernt an Vergangenes erinnert. Und an ein Schafott, ein ganz kleines, für Kinder vielleicht; er dreht sich noch eine. Erst gestern hat er mit seinem Freund gesprochen, über Dinge, die nicht ganz so wichtig sind wie dieses Zippo hier: die Welt, die Menschen, das Leben, der ganze Scheiß halt, für den pubertierende Weltschmerzjunkies töten würden. Sowas hat er nicht nötig: er kann ausschlafen, und sein Feuerzeug riecht gut, nach Benzin. Auf seinem Wagen steht ein ganzer Kanister davon, er hat vor, das Gebäude anzuzünden, vor dem er steht. Gründe dafür gibt es genug – ihm fällt nur keiner ein. Wieder klackt das Zippo, dann springen drei Kobolde aus dem Unterholz und überwältigen den Mann. Bevor es zu spät ist, fliegt die Flamme; da der Kanister längst leer ist, brennt alles sofort. Andere Kobolde springen wild umher, er kann ihre Gesichter nicht mehr entziffern, aber Strampeln mit den Beinen geht noch gut; gelegentlich trifft er wen, plötzlich ist er frei. Mit einem Sprung rettet er sich ins Feuer und lacht. Dann die Sirenen.

Spartenliteratur31.05.2006 19:40h

Das Aufmachen mit dem Brieföffner gestaltete sich noch ganz leicht; wenn´s doch Briefe wären, dachte er sich und schenkte dem Sonnenuntergang keine weitere Beachtung mehr. Bis hierhin und nicht weiter, hatte der Engel gesagt, bis hier hin war der Mann gegangen, und dann war da diese Schlucht gewesen, aus der so ein paar Arme ausgestreckt nach oben baumelten, ja, baumelten, man kann es ja nicht allen Recht machen! Schon gar nicht den Engeln. Er zuckte mit den Schultern und nahm einen tiefen Schluck, fand das dann aber doch zu albern und warf die Flasche in die Schlucht. Ein paar Hände schnappten danach, aber weil sie an Armen hingen, die baumelten, war das nicht so einfach, und so zerbarst das Glas irgendwo im undurchdringlichen Nebel da weiter unten. Plötzlich war der Mann sich nicht mehr sicher, was er hier sollte, hob den Blick und stellte fest, daß die Tränen in seinen Augen das Sonnenlicht ganz außergewöhnlich gut brachen. Auch er erbrach sich sogleich und wünschte sich die Flasche zurück. Das hier war kein Platz für ihn, also ruckzuck zurück in den Schoß, aus dem er vielleicht einmal gekrochen war. Der Schritt über die Klippe war ganz einfach; es empfing ihn aber nicht etwa Geborgenheit, Güte, das Nichts usw., sondern die Gewißheit, jetzt aber auch endgültig verloren zu haben. Mit einem äußerst scharfen Küchenmesser schnitt er ein paar Arme ab, zog sich am Seil aus der Schlucht hinauf und schüttelte sich den Staub vom Körper. Mich kriegt ihr nicht, dachte er. Mich nicht.

Spartenliteratur07.05.2006 22:19h

„gute nacht“,
und was da vorher rauskommt, ist die scheiße;
nicht der kot, zu profan,
die kotze, das leben
ein rattenschwanz.

wenn zu mühsam wird, es aufzuhalten,
den schmerz und die cholera.
die panik vor dem nächsten mal.
das leben und die sucht.

kein wunder, dass
alles für immer ist.
keine ahnung,
wohin.

Spartenliteratur22.04.2006 22:04h

das glitzernde kind vor der starren fassade
die einen, die lachen, sind nichts und doch da
vor allem steht blinkend ein kicherndes wesen
und kratzt an dem lack der verkrüppelten autos

wo geht der schmerz hin, wenn die läden sich schließen?
wohin die angst? was will der kellner mir sagen
beim stellen der rechnung? daß ich gehen soll?

für mich steht das kind vor der starren fassade
für mich sind die anderen nichts und doch da
ich hab keinen kummer, steh kichernd am rande
und kratze am wesen verkrüppelter nächte

da macht der schmerz nichts, schließt nur die läden
dorthin die angst: da kann sie gern warten
beim stellen der rechnung: ich öffne die bar

Spartenliteratur16.03.2006 00:42h

zerstört: der zarte feuertraum
des kindes an dem wege;
es kommt dem kalten klagesang
nie wieder ins gehege:

das letzte wort im winterfest,
gesprochen von dem wesen,
entflammt des kindes warmes nest,
läßt rinde, ast und blatt verwesen;

zerbricht die letzte kraft des kleinen,
feuert kräftig ins geäst,
so daß er mit den jungen beinen
schnell die stumme welt verläßt.

gefällt: der alte starke baum
des kindes an dem wege;
es sieht der sonne untergang
nie wieder an dem stege.

Spartenliteratur06.12.2005 23:29h

am tag, wenn das warme grau
des himmels schnell ins schwarze fällt
gerinnt der kummer zu nichts
verfällt auch das grauen

dann geht kein hauch mehr durch die poren
verlieren worte ihren sinn
und die, die ohnehin keine haben
schwitzen stumpf auf toten brettern
die gar nichts bedeuten

bei nacht, wenn der rauhe wind
die äste gegen´s fenster peitscht
schreit ein kind aus dem nichts
beginnt mit dem staunen

dann springen sterne durch das feuer
tanzt der harlekin im kreis
und die, die ohnehin niemals lachen
grinsen stumpf aus toten mündern
die gar nichts bedeuten

und die sonne erscheint
kein gedanke mehr an sterne

Spartenliteratur30.11.2005 11:54h

„Heute nacht war es wieder da, das Gespenst, die Angst, nicht in diese Welt zu gehören, ein Mensch zwar zu sein, aber einer, der nicht weiß, wie andere Menschen funktionieren. Was muß man tun, um in dieser Welt Erfolg zu haben? All das über Bord werfen, was einen ausmacht? Oder ist es nur ein wenig Selbstverstellung? Ein wenig nur. Die anderen müssen sich nicht selbst verstellen, die sind einfach so, daß es funktioniert – was immer „es“ auch ist. Ist Selbstmitleid steuerlich absetzbar? Wie kann man sich verstellen, gibt es da Knöpfe oder kleine Räder für, wie bei einer Uhr?

Sei einfach du selbst. Das stinkt doch.“

Sie schaut zufrieden auf ihre Notizen. Das klingt gut, denkt sie, da hab ich mir aber mal wieder was von der Seele geschrieben, denkt sie. Daß ihre Seele sich nur bestätigt fühlt, immer schwerer wird und schließlich zu sinken beginnt, daran denkt sie nicht. Sie schenkt sich noch einen Kaffee ein; der ist mittlerweile kalt. Ihr Knie zittern, vielleicht wäre Tee doch besser gewesen. Sie ruft ein paar Freunde an, schaut ihre Lieblingsserie, schneuzt sich die Nase und springt aus dem Fenster. Ein Glück, daß es nicht sehr hoch ist, denkt sie, als sie im Gras landet, das weich und grün ist. Sie putzt sich den Dreck von den Stiefeln, flüchtig, und stürmt hinein in die Nacht, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Spartenliteratur29.11.2005 15:30h

verloren steht der mann am ufer
zählt die schiffe, zählt die lieder
eines längst vergess´nen winters

kalt der nebel zwischen schläfen
geht er nun und kehrt nicht wieder
schreit der mann ins uferdickicht

all die lieder und die tränen
all die lieder und die tränen

wehen wolken übers wasser
dort der rauch von einem feuer
kein mann steht mehr am uferdickicht

ein vogellied weht leis herüber
schrei von einem ungeheuer
erinnerungen eines winters

zwischen schilf und stolzen schwänen
zwischen schilf und stolzen schwänen

Spartenliteratur12.11.2005 19:30h

Das einzige Licht in dem relativ endlosen Tunnel war das Bier, das er öffnete, als die Sonne aufging. Der Geruch legte sich wie Morgentau über die Wiese, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als daß er niemals schwinden möge. Mit sinnloser Leichtigkeit führte er die Flasche an die Lippen, erschrak vor sich selbst und kotzte auf den Boden. Ein Elch lachte, verschwand dann im Unterholz. Von irgendwo her ertönte eine Krähe, und er dachte nur, das kann doch nicht alles gewesen sein. Er schaute nach der Krähe, und die Sonne erhob sich über dem Wald. Eine Träne erschien; ob vom Licht, das wußte er nicht.

Spartenliteratur, Empfehlungen22.10.2005 20:01h
antimatter - planetary confinement

komm benutz die kapuze
verlasse den hafen
einmal nach der sonne schielen
macht alles kaputt

ein haufen toter blätter
schweres licht der sonne
verkneif dir das rauchen
zünde sie an

und hör auf die vögel
die nach süden ziehen